Der Psychologe Benoît Monin von der Universität Stanford hat dafür den Begriff "Moral Credentials" geprägt. Zusammen mit Dale Miller zeigte er schon 2001 in einer Studie im Journal of Personality and Social Psychology, dass Menschen eher sexistische oder rassistische Ansichten vertreten, wenn ihnen zuvor die Gelegenheit gegeben worden war, sich als vorurteilsfreie Menschen zu gerieren.

Anzeige

Auch zu Menschen, die nicht von diesen Moral Credentials wussten, äußerten sie später eher politisch unkorrekte Ansichten - Hauptsache, das eigene Selbstbild als moralischer Mensch blieb bestehen.

Bei der Hure erwischt

"Menschen streben nach innerer Balance", sagt Dieter Frey. "Und in dem Augenblick, in dem man sich in einem Bereich selbst bestätigt hat, erlaubt man sich anderswo eher eine Abweichung." Wichtig sei nur, dass die Selbstwahrnehmung als moralisch denkender und handelnder Mensch konstant bleibe.

Sich als frei von Vorurteilen oder als Kämpfer für die gute Sache zu profilieren, verändert die Einstellungen der Menschen also nicht, es wirft nur ein deutliches Licht auf Einstellungen, die sonst verborgen blieben. "Moralische Glaubwürdigkeit gibt einem eher die Sicherheit, tatsächlich seine Meinung auszusprechen, auch wenn diese nicht politisch korrekt ist", sagt Effron.

Lässt sich anhand solcher Studien aus der Vorurteilsforschung nun erklären, warum jemand, der wie Eliot Spitzer öffentlich gegen Prostitution wettert, sich bei einer Hure erwischen lässt? Zumindest das Denkmuster scheint ähnlich zu sein. Wie Psychologen in letzter Zeit immer wieder beobachtet haben, handeln Menschen in vielen Lebensbereichen nach diesem Prinzip.

Kürzlich berichteten Sonya Sachdeva und ihre Kollegen von der Northwestern University in Chicago, dass Menschen, die sich selbst als moralische Wesen betrachten, weniger Geld spenden als andere, die ein tendenziell negatives Selbstbild haben (Psychological Science, Bd.20, S. 523, 2009).

Die Psychologen ließen ihre Probanden unter einem Vorwand Geschichten über sich selbst aufschreiben. Dazu hatten sie ihnen eine Liste von Wörtern vorgelegt, die in der Geschichte enthalten sein sollten - diese beschrieben entweder positive oder negative Charaktereigenschaften. Anschließend wurden die Probanden gebeten, einen kleinen Betrag für eine soziale Einrichtung ihrer Wahl zu spenden.

Diejenigen, die sich zuvor als moralisch integere Menschen beschrieben hatten, spendeten lediglich ein Fünftel dessen, was die Vergleichsgruppe gab, deren Texte Wörter wie "illoyal", "gierig" oder "egoistisch" enthalten hatten. Eine Vergleichsgruppe, die sich mit neutralen Wörtern beschäftigt hatte, spendete immerhin noch eineinhalbmal so viel.

Auch als Kunde funktioniert der Mensch auf diese Weise. Der umweltbewusste Bio-Käufer, der mit einem spritdurstigen Sports Utility Vehicle zum Einkaufen fährt, ist mehr als nur ein Zerrbild. Uzama Khan von der Carnegie Mellon Universität und Ravi Dhar von der Universität Yale haben gezeigt, dass Kunden sich eher für verschwenderische, luxuriöse Dinge entscheiden, wenn sie sich zuvor als altruistisch und sozial gesinnt darstellen konnten.

Auf diese Weise erwerbe sich ein Kunde die Lizenz, eine Entscheidung zu treffen, die sonst ein negatives Bild des eigenen Ichs erzeugen würde, schreiben die Marketingexperten (Journal of Marketing Research, Bd. 43, S. 259, 2006). Mit dem Versprechen, einen Teil des eingenommenen Geldes für einen guten Zweck zu spenden, lassen sich deshalb auch an sich unnütze Luxusgüter besonders gut verkaufen - man hat es sich ja irgendwie verdient.

Der Mensch ist eben ein seltsames Wesen, nicht nur die prominenten Extremfälle, sondern fast jeder. Wer hat aus der Tatsache, dass er gerade die Spülmaschine ausgeräumt oder Staub gesaugt hat, nicht schon einmal ein Recht darauf abgeleitet, dass er jetzt aber wirklich nicht auch noch den Müll rausbringen muss? Eben, und wenn es nicht Spülmaschine oder Müll waren, dann etwas Vergleichbares.

Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2

  1. Die Lizenz zur Sünde
  2. Sie lesen jetzt Moralische Glaubwürdigkeit - politische Unkorrektheit
Leser empfehlen 

(SZ vom 13.08.2009/gal)