Dunkelheit, Druck, Nahrungsarmut - Forscher Carsten Lüter spricht über die Widrigkeiten der Tiefsee und die Überlebensstrategien der Tiere.
Carsten Lüter ist Kurator für wirbellose Meerestiere am Museum für Naturkunde in Berlin. Das Haus zeigt derzeit die Sonderausstellung "Tiefsee". Konzipiert wurde sie vom Naturhistorischen Museum Basel, dem Senckenberg Forschungsinstitut und dem Naturmuseum Frankfurt am Main. Lüter stellte den Kollegen allerdings zahlreiche Exponate aus den Beständen des Berliner Hauses zur Verfügung. Der Biologe mit Schwerpunkt Zoologie forscht auch selbst in der Tiefsee und hat bereits an einigen Expeditionen teilgenommen.
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Großes Maul, auffallende Zähne: Wenn die Nahrung knapp ist, muss auch der Fangzahnfisch zusehen, was er bekommen kann. (© Foto: Naturhistorisches Museum Basel)
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sueddeutsche.de: Die Tiefsee reicht an ihren tiefsten Stellen bis etwa elf Kilometer unter den Meeresspiegel. Sie beginnt bei etwa 1000 Metern Tiefe. Ist das eine willkürliche Definition?
Carsten Lüter: Nein, bei 1000 Meter Tiefe beginnt der Bereich, in den definitiv kein Sonnenlicht mehr vordringt. Die vollständige Dunkelheit hat den Effekt, dass von dieser Tiefe an auch keine Photosynthese mehr möglich ist. Das bedeutet: Es gibt in der Tiefsee keine Pflanzen und entsprechend auch keine pflanzliche Primärproduktion.
sueddeutsche.de: Welche weiteren Besonderheiten zeichnen diesen Lebensraum aus? Zwischen 1000 Meter und 11.000 Meter Tiefe besteht ja doch ein enormer Unterschied.
Lüter: Eine weitere Besonderheit ist die relativ konstante Temperatur. Hier ist die absolute Tiefe nicht entscheidend. Normalerweise herrschen in der Tiefsee Temperaturen von unter vier Grad Celsius - das kann auch schon von 1000 Metern Tiefe an der Fall sein. In manchen Meeresgebieten sinkt die Temperatur des Tiefenwassers sogar bis auf den Gefrierpunkt. Aber was sich natürlich ändert, ist der Druck. Je tiefer man kommt, umso höher wird der Druck, er nimmt pro zehn Meter um ein Bar zu. Mit diesem Druck müssen die Organismen dort unten zurechtkommen. Da die Körper der Organismen aber im wesentlichen flüssigkeitsgefüllt sind und keine freien Gase enthalten, werden die Tiere durch den hohen Druck nicht geschädigt.
sueddeutsche.de: Gibt es im Bereich der Tiefsee Strömungen?
Lüter: Ja, sogar zum Teil sehr starke, insbesondere in den Bereichen, wo sich untermeerische Höhenzüge oder Rückenstrukturen befinden, wie zum Beispiel der Mittelatlantische Rücken. Dort wird durch aus dem Erdinneren aufsteigendes Magma neue Ozeankruste gebildet, es entsteht ein linienförmiges Gebirge entlang dessen zum Teil sehr starke Strömungen herrschen können. Trotz der Strömungen sind die Lebensräume in der Tiefsee relativ stabil. Das macht sie auch empfindlich gegenüber Veränderungen, zum Beispiel Temperaturerhöhungen.
sueddeutsche.de: Welchen Einfluss haben Klimawandel und Umweltzerstörung in den Meerestiefen?
Lüter: Die Lebenswelt in der Tiefsee ist angepasst an die konstanten, relativ niedrigen Temperaturen. Eine Erhöhung um nur wenige Grad, also zwei oder drei Grad Celsius, hätte daher verheerende Folgen. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Wasser in der Tiefsee um mehrere Grad aufheizt, relativ gering - jedenfalls im Moment noch. Größer ist derzeit die Gefahr durch Umweltgifte. Denn die Tiefsee ist kein geschlossenes System - alle Ozeane stehen miteinander in Verbindung. In den Polregionen des Atlantiks sinkt kaltes und daher "schweres" Oberflächenwasser in die Tiefsee, um im Indischen und Pazifischen Ozean wieder aufzusteigen und oberflächennah zurückzufließen. Über diese sogenannte globale Wasserpumpe gelangen auch Schadstoffe von der Oberfläche mit in die Tiefe oder werden an anderen Stellen wieder nach oben gebracht. Hinzu kommt, dass in den sechziger und siebziger Jahren in entlegenen Meeresregionen hochgiftige, zum Teil radioaktive Abfälle einfach irgendwo abgeladen wurden - und auf diese Weise in die Tiefsee gelangt sind. Wie sich das genau auswirkt, weiß man jedoch nicht.
sueddeutsche.de: Weil die Forscher über den Lebensraum insgesamt noch zu wenig wissen?
Lüter: Das ist ein grundsätzliches Problem: Unser Wissen über die Tiefsee ist sehr gering. Sie ist der am wenigsten untersuchte Lebensraum auf der Erde. Denn die Erforschung der Tiefsee ist mit einem enormen technischen Aufwand und dadurch natürlich enormen Kosten verbunden. Hinzu kommt, dass wir nicht flächendeckend Proben aus der Tiefsee nehmen können. Wissenschaftler machen punktuelle Aufnahmen mit einem Tauchroboter oder Tauch-U-Boot - und wissen dann über diesen einen Punkt Bescheid, das sind im Normalfall nur wenige Quadratmeter.
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