Langlebige Umweltgifte Kunststoff in der Blutbahn

In den 1940er und 50er Jahren wurde DDT noch zur Entlausung eingesetzt - doch das Insektizid ist langlebig und wird bis heute im Ökosystem nachgewiesen

Im Fisch, in der Arktis, in der Muttermilch: "Langlebige Umweltgifte" verbreiten sich überall im Ökosystem. Eine EU-Datenbank, die Auskunft über die Gefährlichkeit der Stoffe geben soll, ist voller Fehler. Schuldig fühlt sich niemand.

Von Christoph Behrens

Sie zirkulieren im Blut von Menschen und Fischen, stecken in Pommes Frittes, Säuglinge nehmen sie mit der Muttermilch auf. Selbst in der Leber von Eisbären hat man sie schon entdeckt. "Perfluorierte Tenside" (PFTs) sind einfach überall, in der Luft, im Staub, gelegentlich im Trinkwasser. Auch im Blut von Schriftstellerin Karen Duve und Schauspieler Peter Lohmeyer fand Greenpeace die Substanzen, die im Verdacht stehen, Krebs zu erregen. Im Schnitt 16 solcher bedenklichen Industriechemikalien wie PFTs zirkulierten durch die Adern der Prominenten, die der Umweltverein 2006 untersuchte. Die Industrie braucht sie als Kühlmittel, in Medikamenten oder um Insekten zu töten, über Abwässer oder Unfälle gelangen sie in die Umwelt. Und irgendwann zum Menschen zurück.

Die Belastung der Ökosysteme mit solchen "langlebigen Schadstoffen" wie PFT wächst. Das Problem ist gar nicht so sehr, dass diese Stoffe da sind - sondern dass sie einfach nicht mehr verschwinden. Nur mit hohem technischen Aufwand lassen sich etwa PFTs zersetzen, Pflanzen und Tiere können sie schon gar nicht abbauen. Niemand fällt tot um, weil er eine falsche Pommes ist. Viele Jahre passiert vielmehr: nichts. "Die Stoffe haben Zeit, um sich in der Umwelt zu verteilen, im Ökosystem, im Organismus. Erst viel später nach der Freisetzung sieht man erste Schäden", sagt der Chemiker Martin Scheringer, der an der ETH Zürich zu "Pops" forscht. So nennt man langlebige Umweltgifte wie PFTs, die sich langsam in der Nahrungskette anreichern und irgendwann im Menschen. "Es ist nicht so wie bei der Ölpest, dass Schäden sofort sichtbar sind. Man hat erst Jahre später ein Problem, dann hält es aber sehr lange an", sagt Scheringer.

"Pops können nahezu überall auf der Welt nachgewiesen werden", erklärt die Weltgesundheitsorganisation WHO. Weil sie sich im Ökosystem anreichern, findet man die höchsten Konzentrationen an der Spitze der Nahrungskette - also auch beim Menschen.

Ermittlung der Schäden ist schwierig

Die lange Zeitspanne macht es so schwierig, genaue Aussagen über Pops zu treffen. Bis in die 1960er hinein feierten Experten das Insektengift DDT noch als Heilsbringer für die Landwirtschaft. Zu spät erkannten Wissenschaftler, dass der Giftstoff bei einigen Vogelarten fatal wirkte: Sie legten nur noch so dünne Eier, dass diese bei der geringsten Belastung zersprangen. Der Wanderfalke starb daraufhin in Teilen Nordeuropas und in vielen Bundesstaaten der USA aus, Behörden in Europa und den USA verboten DDT. Doch es dauerte Jahre, bevor das Problem überhaupt sichtbar wurde.

Und selten ist die Beweiskette so stringent. Vielen Studien zu Pops sprechen nur von "chronischen Belastungen", möglichen neurologischen Schäden, Kindern die wegen der Belastung mit Pops im Mutterleib möglicherweise mit einem geringeren IQ zur Welt kommen. Eine schwedische Arbeitsgruppe ermittelte, die chronische Belastung der Nahrung mit Dioxinen und Furanen vermindere die Abwehrzellen im Blut. Vage, statistische Schlüsse sind das, gewonnen aus Massen an Daten. Diese langfristigen Schäden aber auf ein bestimmtes Molekül zurückzuführen, ist fast unmöglich.