Immer mehr Tiere zieht es in die Nachbarschaft des Menschen, von Bären bis zu Feldmäusen. Mittlerweile leben in vielen Städten mehr Tierarten als auf dem Land.
Es ist ein regnerischer Mittag. Quer über eine Straße, die durch den Stadtpark Hardt in Wuppertal führt, schnürt ein Fuchs. Er bleibt kurz stehen, blickt den Spaziergänger aus etwa 20 Metern Entfernung an, dann trollt er sich. Der Fuchs war einmal ein scheuer Waldbewohner. Heute durchstöbert er in Städten Mülltonnen.
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Der Fuchs ist nicht allein. Wildtiere ziehen in die Städte, darunter große wie Bären und Wildschweine und kleine wie Nachtfalter oder Feldmäuse. Zahlreiche Tierarten haben es in der Nähe des Menschen heute besser als auf dem Land. Im Stadtgebiet von München etwa brüten heute 116 Vogelarten, im Umland sind es nur 100. In Berlin zählten Ornithologen sogar 130 Arten. Das sind zwei Drittel aller in Deutschland lebenden Spezies.
"Eine regelrechte Landflucht"
"Das ist eine regelrechte Landflucht. Städte sind zu Inseln der Artenvielfalt geworden", sagt Magnus Herrmann, Biologe bei der Naturschutzorganisation Nabu. In Städten sei das Nahrungsangebot für Tiere einfach größer. Für Vögel und auch viele Säugetiere seien Gärten, Friedhöfe und Parks mit fruchttragenden Gehölzen attraktiver als ein Weizenfeld oder eine Kuhweide, sagt Herrmann. Insbesondere im Winter bieten Städte bessere und leichter zu nutzende Nahrungsquellen, weil es dort etwas wärmer ist als auf dem Land.
Während nach einer Studie des Bundesamtes für Naturschutz zahlreiche Tierarten in Deutschland bedroht sind, werden andere Arten heute sogar häufiger beobachtet als früher - in Städten.
"Die positive Entwicklung in den Städten ist gewissermaßen ein Spiegelbild der negativen Verläufe auf dem Land", sagt der Münchner Zoologe Josef Reichholf. Manche Arten sind dem Menschen erst in jüngerer Vergangenheit in die Städte gefolgt, weil ihre Lebensumstände auf dem Land durch die Industrialisierung der Landwirtschaft zusehends schlechter wurden, andere tun dies bereits seit Jahrhunderten. Ein Beispiel für eine Art, die schon im Mittelalter dem Menschen folgte, ist der Mauersegler.
In Städten verändern Tiere ihr Verhalten. Der Seeadler ist eigentlich ein extrem scheues Tier. Nun brütet er in Berlin in der unmittelbaren Nähe des Menschen. Im Münchner Stadtgebiet ist es der seltene und eigentlich sehr störungsempfindliche Uhu, der seine Scheu verliert. Füchse jagen nicht mehr wie auf dem Land Mäuse, Wildschweine durchgraben nicht mehr im Wald den Boden, sondern Blumenbeete in Berlin.
"Jagdbares Wild bewegt sich unvorsichtiger als in freiem, außerstädtischem Gelände, weil es merkt, dass es in der Stadt nicht bejagt wird", sagt Anne Berger vom Berliner Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW). Besonders deutlich werde dies an Wildschweinen. "Die sind derart zutraulich, dass man fast denken könnte, es mit einem anderen Tier als einem Wildschwein zu tun zu haben."
Ähnliches sei auch bei Waschbären und Igeln zu beobachten, die sich zum Teil sogar in ungenutzte Keller zurückzögen. Ein Verhalten, wie man es von einem wilden Tier nicht erwartet. Auch dass Marder nicht nur Autoschläuche durchbeißen, sondern nahezu weltweit auf Dachböden ihr Unwesen treiben, zeigt eine deutliche Abkehr von natürlichem Verhalten.
Selbst gefährliche Raubtiere wie Eisbären, die normalerweise eine große Fluchtdistanz gegenüber Menschen haben, kommen bei Nahrungsknappheit in Siedlungen in Kanada und Sibirien, wenn sie in den Vorratsschuppen der Häuser Essbares riechen. Wenig begeistert sind auch die Einwohner des Städtchens Monrovia, 25 Kilometer von Los Angeles entfernt. Dort tauchen seit Jahren immer mehr hungrige Schwarzbären auf - sie stöbern in Mülleimern, Garagen, auf Terrassen und in Gärten nach Essbarem. Einige Bären kühlen sich sogar in den Swimmingpools der Stadt ab.
Flucht vor dem Traktor
Nicht nur der Hunger treibt die Tiere in die Stadt. Sie finden dort teils bessere Versteck- und Unterschlupfmöglichkeiten als auf dem Land. Das Mosaik an Kleinstbiotopen mit Hecken, Kleingehölzen, Waldstücken und Bachrändern ist heute häufiger in der Stadt oder am Rand von Ortschaften zu finden als in der freien Landschaft mit ihren intensiv bewirtschafteten Monokulturen. "Außerdem sind diese Biotope in Städten hoch diversifiziert, und viele Fressfeinde sind zugleich seltener als auf dem Land, was die Stadt noch attraktiver macht", sagt Nabu-Biologe Herrmann.
So können Kaninchen in Parks eher ihre Bauten graben als auf Feldern, weil die Erde oft weicher ist, nicht von schweren Traktoren verdichtet oder Pflügen umgegraben wird, und obendrein Feinde wie der Habicht selten sind.
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