Küstenschutz Wie das Bröckeln der Küsten gestoppt wird

Das Meer verteilt den Sand der 2011 künstlich aufgeschütteten Halbinsel an der Küste der Niederlande und bewahrt das Land damit vor weiterer Erosion.

(Foto: mauritius images)

An den Meeren Deutschlands und der Niederlande werden Millionen Tonnen Sand aufgeschüttet. Wie sinnvoll ist dieser Erosionsschutz?

Von Andrea Hoferichter

Normalerweise interessieren sich bestenfalls Hunde für kniehohe Sandhaufen. Doch an einem Strand zwischen Scheveningen und Hoek van Holland in den Niederlanden inspizieren auch Forscher die kleinen Hügel ausgiebig, wenn auch nicht olfaktorisch. Sie vermessen und kartieren sie, dokumentieren, ob sie wachsen, schrumpfen oder wandern. Selbst die Durchmesser der Sandkörner halten sie akribisch fest.

Der Grund für die wissenschaftlichen Strandaktivitäten ist ein Projekt namens Sandmotor: 2011 wurden vor der Küste rund 20 Millionen Tonnen Sand aus tieferen Regionen der Nordsee auf 128 Hektar Meeresboden geschüttet, eine Fläche so groß wie 200 Fußballfelder. Der Sandberg ragt wie eine Halbinsel aus dem Meer. "Wind, Strömungen und Gezeiten transportieren den Sand wie ein Motor nach und nach an die Küste und sorgen so für Stabilität", sagt Marcel Stive, emeritierter Professor der TU Delft. Mindestens 20 Jahre lang soll der Sandmotor den Küstenabschnitt vor Erosion schützen.

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Weltweit sind mehr als 70 Prozent aller Küsten von Erosion bedroht

Ob der Plan aufgeht, untersuchen die Wissenschaftler unter anderem mithilfe von Kameras an einem 40 Meter hohen Turm, mit Sensoren, Laserscannern und Radar. Im vergangenen Jahr zogen sie eine erste Bilanz. "Der Sandmotor tut genau das, was wir erwartet haben, und verteilt Sand in beiden Richtungen an die Küste", sagt Stive. Außerdem sei die Artenvielfalt gestiegen. Die Forscher haben seltene Dünengräser und Vogelarten gesichtet sowie Seehunde. Auch Spaziergänger, Surfer und Schwimmer haben den neuen Strand für sich entdeckt. Für ihre Sicherheit werden Strömungen und Wellengang ebenso überwacht wie die Sandbewegungen.

Küstenschutz ist eine Art Lebensversicherung für die Niederlande. Ohne Sandnachschub würde sich das Land nach und nach auflösen. Wind und Wasser nagen an der Küste, nehmen mehr Sediment mit, als sie wieder antragen. Zudem liegt ein gutes Drittel des Landes an der Nordsee unterhalb des Meeresspiegels, teilweise mehr als sechs Meter. Der Klimawandel könnte die Situation durch heftigere Unwetter und steigende Meeresspiegel künftig verschärfen. "Der Sandmotor liefert genügend Material, um einen Meeresspiegelanstieg von drei Millimetern im Jahr zu kompensieren", sagt Stive.

Bisher wurden alle vier bis fünf Jahre kleinere Mengen Sand mit Saugbaggern vor die Küste gespült. Der Sandmotor ist billiger, auch wenn zu Beginn eine vergleichsweise hohe Investition nötig ist. "Pro Kubikmeter Sand kostet der Sandmotor in den Niederlanden weniger als drei Euro. Konventionelle Auf- und Vorspülungen sind zwei bis drei Mal so teuer", berichtet Stive. Das neue Verfahren könnte außerdem ökologische Vorteile haben, da seltener in bestehende Ökosysteme eingegriffen wird. "Ob diese Rechnung aufgeht, werden wir aber erst in ein paar Jahren wissen", räumt der Forscher ein.

Der Sandmotor ist nicht das einzige groß angelegte Küstenschutzprojekt in den Niederlanden. Vor dem Küstenort Petten etwa wurde vor zwei Jahren eine Dünenlandschaft aus rund 35 Millionen Tonnen Sand aufgeschüttet. Und Forscher der Universität Wageningen untersuchen gerade, wie gut ein "Schlickmotor" als Stabilisator von Wattenmeer und Marschland taugt. Sie bringen dazu überschüssiges Sediment aus Hafengebieten, die zu verlanden drohen, an geeignete Stellen vor der Küste. Wie beim Sandmotor treiben Strömungen und Wellen das Sediment nach und nach gen Land.

Weltweit sind mehr als 70 Prozent aller Küsten von Erosion bedroht. Auch die deutsche Nordsee- und Ostseeküste sind betroffen. Vor allem Urlauber würden es schnell merken, wenn nicht regelmäßig Sand aufgefüllt werden würde. Für Strandkörbe wäre wohl bald kein Platz mehr. Sylt zum Beispiel verliert an der Westküste jedes Jahr rund eine Million Kubikmeter Sand. Versuche, den Schwund mit Buhnen oder anderen Betonbauten aufzuhalten, scheiterten. Deshalb wird seit Anfang der 1980er-Jahre alljährlich Sediment aus einem etwa acht Kilometer entfernten Meeresgebiet auf und vor den Strand gespült. Ein sogenannter Hopperbagger fährt dafür sechs Monate lang jeden Tag mehrfach zwischen Entnahmestelle und Küste hin und her.

Im vergangenen Jahr kostete die Sandleihe den Steuerzahler gut sieben Millionen Euro. "Die Steuereinnahmen aus dem Tourismus übersteigen die Summe aber um ein Zigfaches", sagt Birgit Matelski vom Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN) Schleswig-Holstein. Die Methode funktioniere sehr gut. Ein Sandmotor wie in den Niederlanden stehe zurzeit nicht zur Debatte.