Künstliche Riffe Eine U-Bahn für die Fische

Vor Amerikas Ostküste gedeiht die Unterwasserwelt - auf künstlichen Riffen aus alten U-Bahn-Waggons. Nun können sich selbst Umweltschützer mit der Maßnahme anfreunden.

Von Janek Schmidt

München - Das Angebot wirkte skurril, doch ablehnen konnte es Delaware nicht. Der US-Staat hat seit jeher Probleme mit dem sandigen Meeresboden vor seiner Küste, der kaum Nahrungsmittel und Brutstätten für Fische bietet.

Als dann der Betreiber der New Yorker Metro eine Entsorgungsmöglichkeit für seine alten U-Bahn-Waggons suchte, machte er Delaware eine Offerte, die viele Umweltschützer schockierte:

Man könnte die ausrangierten Waggons ins Meer kippen und so fast kostenlos einen neuen Lebensraum für Meerestiere aufbauen: das Redbird Reef, benannt nach den roten Waggons, die in New York liebevoll "Redbird cars" genannt werden.

Mittlerweile sind mehr als 700 der U-Bahn-Wagen vor Delawares Küste versenkt worden, und die Begeisterung unter Fischern und Tauchern ist so groß, dass sich zwischen verschiedenen Staaten ein Wettlauf um weitere Waggons entwickelt hat.

Bei Fischern stößt diese ungewöhnliche Recyclingmethode auf so große Zustimmung, weil sich auf dem eisernen Gerümpel Muscheln und Würmer ansammeln, die Makrelen, Barsche oder Flundern anlocken, und so hervorragende Fischgründe entstehen lassen.

Seit der erste Subway-Wagen im Jahr 2001 für das Redbird Reef versenkt wurde, sei die Menge an Plankton und Meerestieren dort um das 400fache gestiegen, sagt Jeff Tinsman von Delawares Umweltaufsichtsamt. "Früher gab es da fast keine Fischer, und jetzt zählen wir bei unseren Kontrollflügen bis zu 60 Boote an einem Tag", sagt Tinsman.

Die Fanggründe sind mittlerweile so beliebt geworden, dass sich die Fischer zunehmend in die Quere kommen, und Delaware das Verbot einiger kommerzieller Fischfangmethoden anstrebt.

Auch die meisten Umweltschützer haben sich mit den Stahlhaufen im Meer inzwischen abgefunden.

"Wir hatten am Anfang befürchtet, dass die Wagen im Meer auseinanderbrechen würden und asbestverseucht wären", sagt der Direktor der "Amerikanischen Küstengesellschaft", Timothy Dillingham. Doch gebe es mittlerweile Anzeichen dafür, dass die Asbestgefahr gering sei, und die Wagen 30 Jahre lang halten würden.

"Ideal ist das natürlich auch nicht, aber da wir den Aufbau von künstlichen Riffen unterstützen und dafür wenig Geld bereitsteht, lehnen wir das Versenken der Waggons nicht mehr ab", sagt Dillingham. Besser seien jedoch Felsbrocken oder Betonkonstruktionen, da diese zwei zentrale Kriterien erfüllen, die auch die amerikanische Ozeanografie-Behörde (NOAA) bei Riffbauten einfordert: Stabilität und Freiheit von Schadstoffen.

Besonders strenge Kriterien scheinen notwendig, denn US-Staaten haben bereits mit den verschiedensten Schrott-Konstruktionen experimentiert: Nicht nur Kühlschränke, Einkaufswagen oder alte Panzer haben sie für den Riffbau versenkt. Kalifornien , Texas oder Alabama ließen auch Öl-Plattformen vor ihren Küsten untergehen, Rhode Island stürzte eine ganze Brücke ins Meer, und vor Florida übergab die US-Marine den Flugzeugträger USS Oriskany den Fluten.

In Delaware jedenfalls ist das U-Bahn-Riff derart erfolgreich, dass das Umweltaufsichtsamt die Fischgründe weiter ausbauen möchte. Doch werden die Waggons mit jeder Erfolgsmeldung vom Redbird Reef begehrter.

Auch der Staat Maryland bemüht sich inzwischen um ausrangierte Wagen. Bald könnten jedoch alle Mühen umsonst sein, denn New York State will nun selbst seine Umweltbestimmungen ändern, um die begehrten Waggons in Zukunft vor der eigenen Küste zu versenken.

Glitschig gescheitert

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