Kriminalität Auch Verbrecher brauchen Vertrauen

Verlässliche Zusammenarbeit - das ist schon im normalen Geschäftsleben nicht einfach. Wie muss das erst unter Kriminellen sein? Der Soziologe Diego Gambetta hat es erforscht.

Von Patrick Illinger

Seit 30 Jahren war ein gewisser Bernardo Provenzano, unter Einheimischen auch als "u tratturi" - der Traktor - bekannt, nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen worden. Doch im Jahr 1992 geschah etwas Überraschendes. Die Familie des sizilianischen Mafioso und späteren Cosa-Nostra-Chefs tauchte aus dem Untergrund auf und zog, für alle Welt sichtbar, in Provenzanos Heimatort Corleone, wo sie ein scheinbar normales Leben begann.

Was war geschehen? Hatten sich Provenzanos Angehörige von allen mafiösen Verstrickungen losgesagt, um endlich ein ruhiges Dasein zu genießen? Oder war die Familie von allen guten Geistern verlassen, sich feindlichen Clans schutzlos auszuliefern?

Weder noch, meint der italienische Soziologe Diego Gambetta, der seit vielen Jahren den Umgang unter Verbrechern erforscht. Seiner Ansicht nach diente Provenzanos Familie als eine Art Pfand: Seht her, liebe Mit-Mafiosi, Bernie der Traktor wird euch nicht verraten. Als Garantie habt ihr die Familie, jetzt, da ihr wisst, wo sie lebt.

Gambetta zufolge war das ein ebenso perfider wie wirkungsvoller Schachzug, um Vertrauen zu schaffen. Vertrauen unter Verbrechern wohlgemerkt, ein komplexes Thema, über das der zurzeit in Oxford forschende Gambetta am Montagabend bei der Carl Friedrich von Siemens Stiftung in München referierte.

Mit italienischem Charme und britischem Humor führte Gambetta die Zuhörer auf einen Streifzug durch die Soziologie der Kriminellen.

Das Thema hat bereits Sokrates beschäftigt, dem zufolge es auch in einer Bande von Räubern und Dieben eine Art Justiz geben müsse, welche die Mitglieder davon abhält, ihre Tätigkeit untereinander auszuüben.

"Wie schaffen Verbrecher untereinander Vertrauen?", fragt Gambetta. Dieses ist schließlich ein flüchtiges Gut, zumal wenn die Beteiligten Kriminelle sind und man bei Streitigkeiten schlecht die Polizei rufen kann.

Die Antwort führt zunächst in die Verhaltensökonomie, in der Wissenschaftler jene Mechanismen erkunden, die Kooperation hervorrufen, jenes Phänomen, bei dem Menschen auf unmittelbare Vorteile verzichten, um durch gemeinsames Handeln einen am Ende größeren Gewinn zu erzielen. In zahlreichen Laborexperimenten wurde nachgewiesen, dass dies schon Normalmenschen schwerfällt.

Doch ohne Kooperation, die wiederum auf Vertrauen basiert, geht es auch in der Unterwelt nicht, meint Gambetta: Drogenhändler brauchen Produzenten und Abnehmer, Diebe brauchen Hehler, und sogar Terroristen brauchen Netzwerke.