Harry Sidebottom zeigt, dass die "abendländische Kriegführung" ein kulturelles Konstrukt ist - und lässt kein gutes Haar an den Ideologien.
Wer kennt sie nicht, die Eingangsszene aus "Gladiator", in der Russell Crowe als römischer General Maximus einen seiner berühmtesten Filmsätze sagt: "Auf mein Signal lasst ihr die Hölle los."
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Barbaren gegen disziplinierte Kämpfer - Germanen gegen Römer: Darstellung der Varus-Schlacht (9. nach Christus). (© Foto:Getty Images)
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Der Kassenhit aus Hollywood beginnt mit einer epischen Schlachtendarstellung in den Wäldern Germaniens: Auf der einen Seite stehen die Römer in disziplinierten Einheiten und mit einheitlicher Ausrüstung. Sie warten schweigend und machen ihre für die damalige Zeit hochtechnologischen Waffen bereit. Ihre Parole lautet "Einheit und Stärke". Auf Befehl schießen sie wie ein Mann und rücken in Linie vor. Im Kampf helfen sie einander und zeigen ihren Mut.
Auf der anderen Seite stehen die Barbaren. Sie haben weder Einheiten noch Einheitlichkeit. Sie tragen Pelze. Einige haben erbeutete römische Schilde. Aber es fehlen ihnen Katapulte, die den höchsten Grad der Militärtechnologie repräsentieren. Zu Beginn der Schlacht verbergen sie ihre Truppenstärke im Wald. Während sie vor und zurück wogen, schmettern sie ihre Waffen gegen ihre Schilde und stoßen ein wildes Gebrüll aus. Ihre gellenden Schreie scheinen aber nichts weiter als Kauderwelsch zu sein.
Sie stürzen sich als ungehobelter Haufen in die Schlacht und ringen als grimmige Einzelkämpfer mit dem römischen Gegner. Der einzige Hinweis auf eine Hierarchie unter den Germanen sind Nahaufnahmen eines besonders großen und haarigen Kriegers.
Barbarentum prallt folglich auf Zivilisation. Die Germanen bevorzugen eine "schleichende" Art der Kriegführung. Ihr Ziel ist ein Hinterhalt. Sie kämpfen ohne Disziplin, aber mit irrationaler Wildheit.
Die Römer hingegen werden als Vertreter einer Kampfweise dargestellt, die von Altertumswissenschaftlern nicht selten als "abendländische Kriegführung" beschrieben wird. Durch die Einflüsse der klassischen Welt auf die moderne Kultur soll sich eine Kontinuität militärischer Praktiken gebildet haben, die vom antiken Griechenland bis zum heutigen Westen reicht.
Frei in Assyrien und Dänemark
Das Ziel dieser "abendländischen Kriegführung" ist eine offene Entscheidungsschlacht, die den Gegner vernichten soll und durch Tapferkeit gewonnen wird. Diese wiederum basiert auf Training und Disziplin.
Derartige Vorstellungen werden oft mit einem "bürgerlichen Soldatentum" verbunden - politisch freien und Land besitzenden Kämpfern. Eine Form der Kriegführung, die als Erfindung der Griechen angesehen wird, die sie dann an die Römer vererbt haben, worauf sie selbst das "barbarische" Mittelalter überlebte, in der Renaissance wieder aufblühte und von dort Teil des modernen Westens wurde.
Die Schlacht in "Gladiator" erscheint auf den ersten Blick als "wahr", weil sie "natürlich" anmutet. Das ist jedoch nicht der Fall, wie Harry Sidebottom in seinem Standardwerk zum Krieg in der antiken Welt vor Augen führt. Der Historiker, der in Oxford Alte Geschichte lehrt, zeigt, wie sehr die "abendländische Kriegführung" und ihr "barbarisches" Gegenstück kulturelle Konstruktionen sind, wie wenig sie mit der historischen Wirklichkeit gemein haben.
Griechen und Römer gingen in ihrem "zivilisierten" Selbstverständnis davon aus, dass sie in einer Art Krieg führten, mit der sie sich von früheren wie von an-deren Völkern ihrer Zeit unterschieden. Dabei kämpften sie jedoch nicht unbe-dingt auf eine grundlegend andere Weise. So suchten schon die Assyrer offene Entscheidungsschlachten, mit dem Ziel, den Gegner auszulöschen.
Ihre Armeen waren trainiert, diszipliniert, bestanden zum Teil aus Land besitzenden Kämpfern und enthielten in der neuassyrischen Zeit (934-609 v. Chr.) gepanzerte Infanterie, die nur mit einem Speer für den Nahkampf bewaffnet war. Nach ihrer eigenen Definition kämpften auch die Assyrer um politische Freiheit.
Das lässt sich nach Sidebottom nicht einfach durch einen Vergleich mit "westlicher" Freiheit von der Hand weisen. Denn die Idee von Freiheit kann nach seiner Lesart nicht verallgemeinert werden. Ihre Bedeutung unterscheide sich sowohl zwischen als auch innerhalb von Kulturen.
Sidebottom berichtet von archäologischen Ausgrabungen auf der dänischen Insel Als, bei denen ein prunkvolles Boot und Waffen zutage gekommen sind, die auf 350 v. Chr. datiert werden. Unter den Militaria waren Schwerter und Kettenhemden sowie eine große Zahl Lanzen, Wurfspeere und Schilde. Diese Funde deuten auf eine Barbarenstreitmacht hin, die aus Land besitzenden Kämpfern bestand.
Diese Kämpfer waren in Einheiten ähnlich ausgerüsteter Lanzenträger zusammengefasst, die mit Stoßangriffen versuchten, in der Schlacht eine Entscheidung herbeizuführen. Demnach kämpften sie genauso wie zeitgenössische Armeen des Mittelmeerraumes, besonders wie die römischen Legionen dieser Epoche.
Bürgerliches Soldatentum
Demgegenüber waren die Kulturen der klassischen Welt dem Modell der "abendländischen Kriegführung" selbst nicht immer treu. Über lange Zeiträume ihrer Geschichte hinweg scheinen die Griechen beispielsweise versucht zu haben, Entscheidungsschlachten zu vermeiden. In den 27 Jahren des Peloponnesischen Krieges zwischen Athen und Sparta und ihren jeweiligen Verbündeten kam es nur zu zwei oder drei entscheidenden Landschlachten, die der "abendländischen" Kampfweise ähneln.
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Linke-Vize-Chefin Wawzyniak
Nun ja, Kulturen, die zu Entscheidungsschlachten neigen, ohne der Sicherheit sie zu gewinnen, könnten von der Evolution aussortiert werden.
Dies galt vielleicht in den Anfangsjahren der römischen Republik, in denen der Eques (Ritter) oder Soldat für seine Ausrüstung selbst aufkommen musste. Spätestens seit den Marianischen Reformen passt das Bild nicht mehr. Im Gegenteil die Versorgung landloser Veteranen (bzw. solcher, die zugeteiltes Land wieder verloren hatten) entwickelte sich zu einem ständigen Problemfeld römischer Innenpolitik (mit erheblichen außenpolitischen Auswirkungen).
dieses Thema ist doch nun wirklich in der Militärhistorik nichts mehr Neues. Nicht zuletzt John Keegan hat es in seinem hervorragenen Buch "A history of warfare" (deutsch: die Kultur des Krieges) ausführlich behandelt. Alter Wein in neuen Schläuchen. Was natürlich nicht heißen muss, dass das Buch schlecht ist.