"Statistisch signifikant heißt nicht immer, dass es wichtig für Patienten ist", sagt Krebsexperte Herbert Kappauf aus Starnberg, der als Psychoonkologe Menschen in der Auseinandersetzung mit ihrem Krebs begleitet. "Es wird immer weniger mit Patienten besprochen, was ihnen bevorsteht - stattdessen sagen Ärzte: Wir haben da noch was." Aus Sicht der Patienten ist die Fragestellung hingegen klar: "Krebskranke wollen wissen, wie viel Zeit sie durch eine Therapie gewinnen - und wie sehr sie dabei beeinträchtigt werden", sagt Onkologe Rochlitz. "Das muss noch viel mehr Thema werden."
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Fragwürdige Therapieerfolge kein Einzelfall
Fragwürdige Therapieerfolge sind kein Einzelfall in der Krebstherapie. Die amerikanische Medikamentenbehörde FDA ließ Cetuximab kürzlich auch für die Behandlung von fortgeschrittenem Dickdarmkrebs zu - dadurch überleben Patienten im Mittel 1,7 Monate länger. Bei Patienten mit dem Tumor wird die Zeit ohne Krebswachstum um 0,9 Monate verlängert. Während der Therapie klagen aber 85 Prozent der Patienten über Hautschäden, 19 Prozent davon über Schäden dritten bis vierten Grades.
Die Liste lässt sich fortsetzen. Bevacizumab - als Avastin bekannt - wurde zum Standardzusatz in der Chemotherapie gegen eine Form von Lungenkrebs. Die FDA begründete dies mit einer verlängerten Überlebenszeit von zwei Monaten. Krebsexperten zweifelten den Nutzen an, denn andere Untersuchungen hatten ergeben, dass lediglich das Tumorwachstum um 0,6 bis 0,4 Monate gebremst, die Lebenszeit aber nicht verlängert wird.
Bei Pankreaskrebs führt der Zusatz von Erlotinib (Tarceva) zu einer verlängerten Überlebenszeit von ganzen zehn Tagen. Während der Therapie treten mehr Rötungen, Infektionen, Durchfall und Mundentzündungen auf. "Solche Beispiele sollten Onkologen aufrütteln", sagen Fojo und Grady. "Was ist der minimale Nutzen einer Therapie, damit sie zum Standard werden kann? Ist ein um 1,2 Monate verlängertes Leben ein Wert an sich? Wie wichtig ist die Lebensqualität - und was darf es kosten?"
"Medikamentenwirkungen besser vorhersagen"
"Es wäre erfreulich, Medikamentenwirkungen besser vorhersagen zu können", sagt Gerhard Ehninger, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO). "Dann könnte die Behandlung zumindest bei den Patienten unterbleiben, die keinen Nutzen haben - und für die behandelten Patienten ergäbe sich ein größerer Effekt." Krebsexperten setzen darauf, dass in Zukunft maßgeschneiderte Therapien zur Verfügung stehen und Ärzte früh erkennen, welche Patienten von einer Behandlung profitieren und welche nicht.
Herbert Kappauf ist skeptisch, was die Erfolge dieser "targeted therapy", also der zielgerichteten Behandlung angeht. "Diese militärischen Begriffe sind Etikettenschwindel wie auch der ,Krieg gegen Krebs'", sagt der Onkologe. "Viel spezifischer sind die neuen Therapien auch nicht, es gibt große Kollateralschäden, um in der Armeesprache zu bleiben."
Manche Patienten sagen von sich aus, dass vier Wochen länger zu leben kein Gewinn ist, wenn gar nicht sicher ist, ob die Mittel ansprechen. Ein zu hoher Preis, um dem Tod noch ein paar Tage abzutrotzen. Die finanziellen Kosten sind ebenfalls enorm. Einen Patienten mit Lungenkrebs 18 Wochen mit Cetuximab zu behandeln, kostet 80.000 Dollar. Die Behandlung mit Bevacizumab kostet pro Patient 90.000 Dollar. Fojo und Grady haben errechnet, dass es 440 Milliarden Dollar kosten würde, das Leben der 550.000 Amerikaner, die jährlich an Krebs sterben, um ein Jahr zu verlängern.
"Arzt wird zum Marketingtrottel der Pharmaindustrie"
Man kann den Wert eines Lebens nicht bestimmen und auch nicht, wie viel ein Monat für einen Todkranken zählt. "Diese Rechnungen will niemand aufmachen, aber in Zeiten begrenzter Ressourcen sind solche Überlegungen unvermeidlich", sagen Fojo und Grady. "Wir reden nicht von Ausnahmen. 90 Prozent der von der FDA neu zugelassenen Mittel für die Krebsbehandlung kosten mehr als 20.000 Dollar für zwölf Wochen Therapie."
Weil Behörden die teuren Mittel zulassen und Onkologen sie verordnen, bekomme die Pharmaindustrie das Signal, dass die Kostenspirale und der fragwürdige Nutzen akzeptiert werden. "Je unkritischer aufgebauschte Erfolge präsentiert werden, umso mehr werden diese Mittel im Alltag eingesetzt", fürchtet Kappauf. "Dann wird nicht mehr gefragt, ob der Patient einen Nutzen davon hat und der Arzt wird zum Marketingtrottel der Pharmaindustrie."
"Das Problem der Kostenentwicklung in der Onkologie wird zentrales Thema unserer DGHO-Jahrestagung im Oktober", sagt Gerhard Ehninger. "Wir sind dafür, vier Jahre nach der Zulassung die Preise entsprechend dem Stellenwert einer Substanz festzulegen." Werde die Indikation für das Mittel erweitert und der Umsatz größer, sollten die Preise gesenkt werden. "Das Problem der Sterblichkeit kann man nicht wegtherapieren", sagt hingegen Onkologe Kappauf. "Wenn Ärzte immer neue Therapien mit immer geringerem Nutzen anbieten, kommt es zur komplizenhaften Verdrängung." Ärzte wie Patienten wollten nicht wahrhaben, dass sich der Tod nicht mehr verhindern lässt.
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(SZ vom 22.09.2009/jug)
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Das Problem ist doch, dass Patienten nicht richtig und nicht offen aufgeklärt werden. Weder über Behandlungsalternativen noch über die "Nebenwirkungen" (das "Neben" dabei ist alleine schon Hohn) noch über die wirkliche Aussage der jeweiligen Studien. Zahlen und Statistiken werden zum Eigennutzen der behandelnden Ärzte / Kiiniken interpretiert und vor dem Patienten dargelegt. Patienten werden so in einer Mischung aus Angst, Unwissenheit und Fügsamkeit gehalten. Für mich ist das Manipulation zum Eigennutzen und sonst nichts.
Patienten, die unbequeme Fragen stellen, werden massiv psychisch unter Druck gesetzt oder der Arzt versucht, sie mit Psychopharmaka zu "besänftigen". Mit "unbequemen Fragen" meine ich hierbei oft nur Rückfragen oder Verständnisfragen. Ich spreche aus eigener Erfahrung, ich selbst wurde schon von meinem Onkologen verabschiedet, weil er wegen meiner "nervenden Fragen" nicht genug Zeit für seine Mittagspause hatte. (Das ist kein Scherz und auch keine Übertreibung!) Eine andere Onkologin wollte mir partout Psychopharmaka verschreiben, weil ich nicht verstanden hatte, warum ich ein bestimmtes Medikament ohne gegebenen Anlass unbedingt nehmen sollte. (Diese Onkologin wurde in dem großen Boulevardblatt aber als eine der besten Onkologinnen gelistet.) Das Glück für Krebskranke ist hierbei, dass man eigentlich relativ schnell drauf kommen kann, dass etwas im Ganzen nicht zusammenpasst.
In der SZ vom Wochenende gab es einen guten Beitrag dazu, "Die Fakten und die Toten". Danke an Herrn Bartens für diesen Artikel.
Der entscheidene Faktor von der Behandlung von Brustkrebs ist die Erkennung desselbigen und die Behandlung in einem modernen Zentrum. Immer noch und vorallem aus Gründen der ärztlichen Selbstüberschätzung und der monitären Vorteilsnahme seitens der Krankenhäuser werden Frauen in kleinsten Kreiskrankenhäusern behandelt ohne diese in zertifizierte Zentren zu senden. Im Kreiskrankenhaus Landsberg bsp wurde kürzlich groß die Zusammenarbeit mit dem Krankenhaus Fürstenfeldbrück in Sache Brustkrebspatienten gefeiert. O-Ton "Jährlich werden 50 bis 70 Frauen bei uns behandelt - eine Zertifizierung streben wir an - aber ein Problem seien die Fallzahlen". Also erhalten einige hundert Frauen nicht die beste Behandlung, weil sie die Fallzahlen in den kleinen Klitschen erhöhen müssen. Eine gute Bekannte von mir wurde in einem anderen kleinem Kreisklinikum behandelt, leider wurde das Tumorwachstum viel zu lange als "Narbengewebe" eingeschätzt, streute in die Lunge, und die als "geheilt" entlassene Patienten starb qualvoll nach sechs Monaten und hinterlässt drei kleine Kinder! Aber egal, die Klitsche hat einen Fall mehr vorzuweisen.
Ein anderes Beispiel, das für neue Krebsmedikamente spricht, kenne ich auch. Als Teilnehmer einer Studie überlebte der Mann 10 Jahre - von maximal 2 Jahren Lebenserwartung war die Rede. Die Nebenwirkungen der Medikamente waren zum Teil heftig, aber die Entscheidung war im nach hinein betrachtet - eine richtige und wichtige.
Eine Verbilligung neuer Therapien kann nicht auf den Rücken der Patienten ausgetragen werden, sollte aber mit politischen Instrumenten zur Begrenzung der Profite der Pharmafirmen geschehen.
Wenn man selbst nicht betroffen ist, so kann man natürlich gut daherreden.
Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass ein Menschen durchaus bereit ist, einiges zu geben und zu akzeptierten (auch Nebenwirkungen), wenn sich seine Lebenszeit oder Überlebenswahrscheinlichkeit dadurch auch nur minimal erhöht.
Aber vielleicht passt das nicht in ein neoliberales Umfeld. Da sind das einfach Kosten und der Mensch liefert einfach keine Leistung. Sparen wir doch gleich die ganze Krebstherapie, irgendwann sterben wir doch ohnehin. Die eingesparten Kosten können wir doch gerne den Banken zur Verfügung stellen, damit die Boni wieder etwas höher ausfallen können.