Krebsforschung und Mobilfunk Dritter Akt: die Kampagne

Alexander Lerchl erklärt freimütig, warum er die Vorwürfe gegen Hardell verbreitet. Es geht um jene Sitzungen des WHO-Gremiums IARC in Lyon, bei denen über eine Klassifizierung von Handystrahlen als krebserregend entschieden wird. Lerchl möchte teilnehmen, wird aber als voreingenommen abgelehnt, obwohl er dem offiziellen deutschen Beratungsgremium für diese Fragen angehört. Man hält ihm Vorträge bei einer mobilfunkfreundlichen deutschen Organisation vor. Zudem habe er in zu vielen Veröffentlichungen Studien anderer kritisiert und zu wenig eigene Forschung zum Thema veröffentlicht.

Hardell aber reist zu der Sitzung, obwohl auch er kaum als unbefangen gelten kann. Die WHO erfährt sogar von den gegen ihn erhobenen Vorwürfen aus den 1980er-Jahren. "Wir wurden nach der offiziellen Einladung informiert", sagt Kurt Straif, der bei der IARC die großen Berichte verantwortet. "Wir sind den Vorwürfen sofort und sorgfältig nachgegangen, haben aber erfahren, dass es kein offizielles Urteil gab, wonach Hardell wissenschaftlichen Betrug begangen hat."

Die Vorwürfe gegen Hardell erreichen jetzt zum zweiten Mal die Öffentlichkeit, wieder zu einem Zeitpunkt, als seine Arbeit viel Aufmerksamkeit erhält. Larsson hatte 2002 dem Svenska Dagbladet ein Interview gegeben. Der Artikel endete mit der Feststellung, wonach es keine Beweise gebe für eine Datenfälschung Hardells. Dennoch verbreitet eine amerikanische Organisation namens Science and Environmental Policy Project (SEPP), die schwedische Zeitung habe angedeutet, Hardell hätte die Fragebögen selbst ausgefüllt. Und irgendwie bleibt das kleben. Hinter dem klangvollen Namen der US-Gruppe verbergen sich rechte Lobbyisten, angeführt von dem amerikanischen Klimaskeptiker Fred Singer. Die SEPP-Mitteilung gelangt zehn Jahre später, kurz nach dem italienischen Urteil über Japan nach Lerchls Worten in seine Hände. Und der schickt die Anmerkung wie ein neues Beweisstück weiter.

Lerchls Online-Kommentar in Nature löst zudem Erwiderungen aus. Hardell meldet sich im Forum und erklärt, der Bericht des ehemaligen Rektors Larsson sei in keinem offiziellen Archiv zu finden - was nicht stimmt. Er rückt den Bremer in die Nähe "dunkler Mächte" und wirft ihm Verleumdung vor. Lerchl wiederum spricht von "klaren Belegen für wissenschaftlichen Betrug".

Nach bisherigem Stand gibt es gegen Hardell nur die Vorwürfe aus dem Larsson-Bericht, dessen Beweiskraft noch zu bewerten ist. Doch sie berühren ein zentrales Merkmal von Hardells Arbeit: In dessen Studien ist die Rücklaufquote von Patientenbefragungen auffallend hoch. Sie liegt oft über 90 Prozent, wo andere Forscher bestenfalls auf 70 Prozent kommen. Dies macht Konkurrenten argwöhnisch. In einem SZ-Interview hat Hardell vor einigen Jahren erklärt, er gebe sich eben mehr Mühe, die Patienten und Probanden bei der Stange zu halten. Darum zeigten seine Studien Effekte, die andere nicht finden.

Fazit: Versagen der Wissenschaft

Das alles wäre nur eine Kabbelei zwischen Forschern, ginge es nicht auch um enorm viel Geld. Mobilfunk ist eine milliardenschwere Industrie, die ungerührt die Botschaft verbreitet, ihre Technik stelle keine Gefahr dar. Kommt es irgendwo zum Prozess, besonders in den USA, engagieren beide Seiten Forscher als bezahlte Zeugen. Von einem von diesen, Meir Stampfer, dem ehemaligen Leiter des Epidemiologie-Departments der Harvard University, heißt es, er habe 2002 Anwälten eine Rechnung über 80.000 Dollar ausgestellt. Damals lief ein Prozess in den USA, in dem ein Arzt wegen seines Gehirntumors den Handyhersteller Motorola verklagt. Hardell stand auf anderen Seite: Er war von der Anklage angeheuert und bekam Dokumenten zufolge 560 Dollar die Stunde.

Einige Jahre später fing Stampfer dann an, Hardell eines Meineids in dem Gerichtsverfahren zu beschuldigen. Es ging um Aussagen zu eingereichten Forschungsaufsätzen, aber Stampfer tat so, als habe Hardell über seine eigenen Daten gelogen. Er stimmte damit in eine Flüsterkampagne ein, die der Schwede Hans-Olov Adami schon 2002 begonnen hatte. Das Pikante daran: Adami war Hardells Ko-Autor bei der fraglichen Publikation in JNCI; und er ist Stampfers Nachfolger in Harvard und mit dem Kollegen vielfältig verbunden.

Offenbar sind die verfeindeten Forscher nach mehr als zehn Jahren der Auseinandersetzung kaum mehr in der Lage, ihre eigene Ansicht zu hinterfragen. Aus Sicht der Mobilfunknutzer ist das allerdings eine entsetzliche Situation. Eigentlich müssten alle Seiten zusammenarbeiten, um methodisch sauber die Frage zu klären: Kann der langjährige, intensive Gebrauch von Handys die Gesundheit schädigen?

Das Risiko ist vermutlich klein, sonst hätte es sich bereits in den Krebsstatistiken offenbart. Aber womöglich ist es nicht gleich null. Es ist Zeit für die Wissenschaftler, jene Arbeit zu leisten, für die sie mit Steuergeld gefördert werden.