Krebsforschung und Mobilfunk Zweiter Akt: die Vorwürfe

Nachdem die römischen Richter sich ausschließlich auf Hardell stützen, beginnt eine handfeste Kampagne gegen den Schweden. Im Zentrum steht Alexander Lerchl, der auch Mitglied der deutschen Strahlenschutz-Kommission ist. Lerchl hat belastendes Material aus der Vergangenheit des Schweden in die Hand bekommen. Dieses bezieht sich auf Vorgänge Mitte der 1980er-Jahre. Hardell forschte damals an der Universität Umea über die Krebswirkung von Pestiziden und Dioxinen. Lerchl hat ein brisantes Papier aus dem Schwedischen ins Englische übersetzen lassen, ins Internet gestellt, und einen Link dazu in einem Kommentar zum Nature-Bericht über das italienische Gerichtsurteil veröffentlicht. Es ist ein privater Bericht des inzwischen verstorbenen ehemaligen Rektors der Universität Umea, Lars-Gunnar Larsson, vom 15. Mai 1986. Drei weitere Personen haben ihn gezeichnet.

Larsson zufolge hat Hardell 1984 eine Vereinbarung unterlaufen, wonach Patientendaten für eine Krebsstudie anonymisiert und "verblindet" werden sollten. "Er hat an die Patienten mit dem Krebs oder deren Familien andere Briefe geschrieben, ihnen zum Dank Bücher versprochen sowie die ausgefüllten Fragebögen selbst entgegengenommen", sagt Lars-Eric Holm, der 2002 Leiter des Schwedischen Instituts für Strahlenschutz war. Ihm hatte sich Larsson damals, nach 16 Jahren des Schweigens, anvertraut. Seither ist Larssons Report im Archiv der Organisation öffentlich verfügbar. Da Holm die Universität Örebro informiert hat, liegt das Dokument auch dort in den Akten.

Larssons Schilderung zufolge sind die Abweichungen von der vereinbarten Prozedur einst unter anderem aufgeflogen, weil sich jemand für das empfangene Buch bedankte. Der ehemalige Rektor schreibt, er habe Hardell zur Rede gestellt. Der Angegriffene habe sich mit Ausreden verteidigt; Larsson behauptet, so erschüttert gewesen zu sein, dass er eine offizielle Meldung unterließ. Sollten seine Notizen stimmen, so hätte sich Hardell wohl des wissenschaftlichen Fehlverhaltens schuldig gemacht.

Alexander Lerchl macht den Larsson-Bericht nicht nur öffentlich, er schickt ihn auch an die Redaktion des Journal of the National Cancer Institute (JNCI). Dort hatte Hardell 1990 über eine deutlich erhöhte Krebsgefahr durch Dioxin-verunreinigte Pestizide berichtet. Der Chefredakteur des JNCI, Carmen Allegra, erkundigt sich prompt bei Hardell nach dessen Reaktion, der ebenso schnell antwortet. Der Schwede erklärt, das Versenden der Fragebögen für die JNCI-Studie habe erst Ende Juni 1986 begonnen, also sechs Wochen, nachdem Larsson die Publikation verfasst habe. "Dieser unbegründete ,Brief' hat natürlich überhaupt nichts zu tun mit der Studie, die in JNCI veröffentlicht wurde", schreibt Hardell.

Damit ist er aber noch nicht ganz entlastet. Schließlich hat er in jenen Jahren eine weitere Studie zum gleichen Thema veröffentlicht, wie auch Larsson angemerkt hatte. Vor der Untersuchung für das JNCI hatte der Schwede 1988 in der Zeitschrift Cancer publiziert. Darin wertet er Daten von 55 Sarkom-Patienten aus; die zeitlichen Angaben passen zu den Vorgängen, die Larsson schildert. Auf Nachfrage erklärt Hardell, zwischen den 55 Patienten der Cancer-Studie und den 237 Fallbeispielen für die JNCI-Veröffentlichung gebe es keine Überschneidung. Damit ist aber nicht geklärt, ob die Cancer-Studie sauber war.