Bis der Fachmann Walter Nelson-Rees feststellt, dass es sich bei allen Proben, die angeblich von verschiedenen Patienten und Geweben stammen, um Hela-Zellen handelt. Nelson-Rees überprüft weitere Labore und erkennt: Auf der ganzen Welt haben Hela-Zellen andere Zelllinien verseucht. "Hela-Zellen breiten sich aus wie der Brei im Märchen", sagt Drexler. "Sie überwuchern alles."

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Zellforscher auf der ganzen Welt fürchten um ihre Arbeit und ihren Ruf. Heftig wehren sie sich gegen Nelson-Rees Vorwürfe. "Mit heutigen Methoden ist es kein Problem, schnell die Identität einer Zelllinie zu bestimmen", sagt Drexler.

Mitte der 1970er-Jahre aber ist es noch aufwendig. Wenn sie Zellen anderer Mitglieder der Lacks-Familie hätten, überlegen die Forscher, könnten sie leichter bestimmen, ob tatsächlich Hela-Zellen in all den Laboren gewachsen sind.

Eine Krankenversicherung ist unerreichbarer Luxus

Henriettas Familie ist arm. David Lacks weiß oft nicht, wie er seine fünf Kinder durchbringen soll. Tochter Elsie stirbt mit 15 Jahren in einem Behindertenheim. Eine Krankenversicherung ist unerreichbarer Luxus. Was mit Henriettas Zellen geschehen ist, weiß niemand aus der Familie.

Zwar taucht Anfang der 1970er-Jahre in einigen Zeitungsberichten der Name Henrietta Lacks auf. Doch die Wissenschaftler behaupten, die Zellen stammten von einer Patientin namens Helen Lane oder Helen Larson.

Zellexperte Drexler kann das Verhalten seiner US-Kollegen zum Teil verstehen. "Wenn man mit Zellen arbeitet, denkt man nicht an den Menschen, von dem sie stammen", sagt er. Nur manchmal kämen ihm die Schicksale hinter seinen Untersuchungsobjekten in den Sinn.

Ähnlich ging es wohl auch den Johns-Hopkins-Forschern. 24 Jahre lang hatte sich niemand bei Henriettas Familie gemeldet. Erst als das monströse Wachstum der Hela-Zellen, bislang von allen Seiten umjubelt, zum Schmach für die Wissenschaft zu werden drohte, erinnerte man sich an sie.

Doch während die Forscher noch ihre Briefe aufsetzten, in denen sie Henriettas Angehörige um Blutproben baten, erfuhr die Familie zufällig auf anderem Weg von den weltberühmten Hela-Zellen. Während eines Essens bei Freunden lernte Henriettas Schwiegertochter Barbara einen jungen Wissenschaftler kennen, der selbst mit Hela-Zellen arbeitete. Als er Barbaras Nachnamen erfuhr, stutzte er. "Lacks? Sind sie verwandt mit Henrietta Lacks?"

Die Familie hatte Angst

David Lacks und seine Kinder verstanden nicht die ganze Geschichte, aber das, was sie verstanden, machte ihnen Angst. Lebte Henrietta etwa noch, eingesperrt im Labor? Tat es ihr weh, wenn die Forscher mit ihren Zellen arbeiteten?

Als kurz darauf die Briefe der Wissenschaftler eintrafen, verweigerten David und seine Kinder die Blutproben. Es kamen weitere Briefe. Mit ihren Tests könnten die Forscher erkennen, ob auch seine Kinder bald an Krebs sterben würden, las David Lacks dort. Keiner der Ärzte merkte, dass Henriettas Angehörige kaum einen Satz in den Briefen wirklich verstanden. Schließlich stimmten David und die Kinder den Untersuchungen zu.

In den folgenden Jahren versuchten sie immer wieder, mehr über die Hela-Zellen zu erfahren. Erfolglos. "Die Familie fühlt sich übergangen", schreibt Skloot. Zwar beteuert die Johns-Hopkins-Universität, sie habe die wertvollen Zellen nie verkauft.

Dennoch hätten im Lauf der Jahre viele Menschen mit der Forschung an Hela-Zellen Geld verdient, argumentiert Henriettas Tochter Deborah Lacks-Pullum. Doch finanzielle Ansprüche, die die Familie hätte geltend machen können, sind lange verjährt.

"In meinen Augen ist es heikel, wenn alle Beteiligten in der Verarbeitungskette von Zellen oder anderem Körpergewebe profitieren - außer der Patient, von dem das Material stammt", sagt Politologin Schneider.

In Deutschland können Patienten zwar vor der Behandlung einen Vertrag mit dem Arzt schließen und festlegen, welche Gewinnbeteiligung ihnen aus der Forschung an ihren Zellen zusteht. "In der Praxis kommt das aber so gut wie nie vor", sagt Schneider.

Die Lacks wollten nicht länger verzichten

Stattdessen lassen viele Kliniken ein Formular unterschreiben, mit dem der Patient alle Rechte an seinen entnommenen Zellen abtritt. Schneider hält diese Praxis für fragwürdig: "Der Patient verzichtet pauschal, ohne zu wissen, was mit seinen Körpermaterial passieren wird."

Die Lacks wollten nicht länger verzichten. Seit sie wussten, wie sehr die medizinische Forschung von Henriettas Zellen profitiert hatte, kämpften sie um Anerkennung. Sie redeten mit Journalisten von Zeitungen, die hauptsächlich von Schwarzen gelesen wurden.

Darin erschien Henriettas Schicksal als die Geschichte einer Farbigen, die Weiße zum Wohl der Menschheit opferten. 1996 gab der Bürgermeister der Stadt Atlanta, in der viele Afroamerikaner leben, dem Druck der Familie und von Bürgergruppen nach. Er erklärte den 1.Oktober jedes Jahres fortan zum "Henrietta-Lacks-Tag" in Gedenken an eine "Heldin der Wissenschaft".

Henriettas Ehemann half das nicht mehr. Als er 2002 mit 87 Jahren starb, hatte ihn das Gefühl, ausgenutzt worden zu sein, zu einem zurückgezogenen, verbitterten Mann gemacht.

Seine Tochter Deborah Lacks-Pullum kämpfte weiter für die Rechte der Familie. Ein Jahr vor dem Tod ihres Vaters lud ein Wissenschaftler der Johns-Hopkins-Universität die Familie in sein Labor ein. Deborah und einer ihrer Brüder fuhren hin. Deborah beugte sich über die Plastikgefäße mit Hela-Zellen und flüsterte: "Du bist berühmt, Mutter. Es weiß nur niemand."

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  1. Ein ewiges Leben
  2. Einwilligung des Patienten nicht erforderlich
  3. Sie lesen jetzt Zellforscher fürchten um ihren Ruf
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(SZ vom 17.04.2010/cosa)