Seltene Krebserkrankung Das Leiden des Steve Jobs

Selbst eine Lebertransplantation konnte sein Leben schließlich nur verlängern, aber nicht retten. Dabei hatte Steve Jobs 2004 noch gehofft, er sei nach einer Operation vollständig von einer seltenen Krebserkrankung geheilt worden.

Von Markus C. Schulte von Drach

Als Steve Jobs 2004 öffentlich erklärte, dass er an Krebs erkrankt sei, gab er nur wenige Fakten preis. Er informierte seine Angestellten lediglich, soweit es seine Arbeitsfähigkeit betraf - schließlich hatte diese auch große Bedeutung für die Firma, für die sie arbeiteten. Mit weiteren Informationen hielt er sich zurück - seine Gesundheit betrachtete er in erster Linie als Privatsache.

Und obwohl viele Menschen nun wissen wollen, woran Jobs litt und woran er letztlich gestorben ist, müssen sie sich mit den spärlichen Fakten zufriedengeben, die der Apple-Gründer preisgegeben hat.

Beim ersten Mal, als die Öffentlichkeit von Jobs Gesundheitsproblemen erfuhr, geschah dies über eine E-Mail an seine Angestellten. Darin teilte er ihnen mit: "Dieses Wochenende habe ich mich einer erfolgreichen Entfernung eines Tumors meiner Bauchspeicheldrüse unterzogen." Es handelte sich um eine seltene Form des Pankreaskrebses, mit guten Aussichten auf Heilung: einen neuroendokrinen Inselzellen-Tumor.

Der Krebs betraf also Zellen in der Bauchspeicheldrüse (Pankreas), die sogenannten Inselzellen. Neuroendokrin bezieht sich darauf, dass Gewebe betroffen ist, das Hormone produziert. In der Bauchspeicheldrüse, einem zungenförmigen Organ hinter dem Magen, werden die Hormone Insulin und Glucagon gebildet. Die weit häufigere Form von Pankreaskrebs - das Adenokarzinom - betrifft dagegen die exokrinen Zellen, die Verdauungsenzyme produzieren.

Während Patienten mit dieser Form auch nach Operationen und trotz Chemo- oder Strahlentherapie eine geringe Lebenserwartung haben - dem amerikanischen National Cancer Institute zufolge sterben etwa 80 Prozent innerhalb eines Jahres nach der Diagnose der schnell wachsenden Krebsform -, sind die Heilungschancen für die endokrinen Formen größer.

Der Unternehmer gehörte zu jenen etwa ein bis fünf Prozent der Patienten mit diesem Bauchspeicheldrüsenkrebs, der sich langsamer ausbreitet und bei einer frühen Diagnose durch eine Operation sogar geheilt werden kann. Weder Strahlen- noch Chemotherapie waren offenbar notwendig. Im Juli 2004 musste allerdings - ganz oder teilweise - die Bauchspeicheldrüse entfernt werden.

Bereits im September arbeitete er wieder. Und 2005 erklärte er an der Stanford University vor Studenten öffentlich, er sei geheilt. In dieser Rede beschrieb er zum ersten Mal, wie er die Diagnose erlebt hatte und wie er damit umgegangen war. "Deine Zeit ist begrenzt, also verbrauche sie nicht, um das Leben anderer zu leben", riet er den Zuhörern.

Allerdings verlor er in den folgenden Jahren immer mehr an Gewicht, so dass in der Apple-Community die Sorge um seine Gesundheit wieder zunahm. Ob sein Zustand mit der Operation zusammenhing, blieb unklar, auch wenn der Verdacht naheliegt. Schließlich ist die Bauchspeicheldrüse für die Bildung von Insulin verantwortlich. Und ein Mangel an Insulin kann zur Gewichtsabnahme führen.

Erst Anfang 2009 gab Jobs selbst wieder Auskunft über seinen Gesundheitszustand. Er hatte den traditionellen Vortrag auf der Macworld-Messe abgesagt und reagierte nun auf Spekulationen über die Gründe. "Glücklicherweise denken meine Ärzte nach einer Reihe weiterer Tests, dass sie die Ursache gefunden haben - ein gestörtes Hormongleichgewicht, das mich der Proteine beraubt, die mein Körper braucht, um gesund zu bleiben." Was das tatsächlich zu bedeuten hatte, blieb im Dunkeln.

Die Operation 2004 hatte natürlich Einfluss auf seinen Hormonhaushalt. Dass ihm die Proteine geraubt würden, war allerdings eine sehr ungenaue Auskunft. Die eigentlich vom Pankreas produzierten Verdauungsenzyme - bestimmte Proteine - spalten andere Proteine aus der Nahrung im Dünndarm. Fehlt die Bauchspeicheldrüse ganz oder teilweise, kann es zu einem Mangel dieser Enzyme kommen und deshalb zu einer unzureichenden Aufspaltung der Nährstoffe. Eine Folge könnte ein Gewichtsverlust sein. Allerdings sprach Jobs von einem gestörten Hormongleichgewicht. Es bleibt also unklar, ob er vielleicht doch Probleme mit Insulin meinte.

Kurz darauf informierte Jobs seine Angestellten darüber, dass sein Gesundheitszustand komplexer sei, als er ursprünglich angenommen habe. Dann kündigte er eine sechsmonatige Auszeit an. In dieser Zeit, im April 2009, bekam Jobs eine neue Leber. Der Grund für die Transplantation wurde nicht veröffentlicht. Bekannt ist allerdings, dass der Krebs, unter dem Jobs litt, in die Leber streuen kann. Dann kann eine Entfernung des befallenen Organs das Fortschreiten der Krankheit noch einmal bremsen oder heilen, wenn sich die Ausbreitung tatsächlich auf die Leber beschränkt.

Allerdings müssen nach einer Transplantation Medikamente eingesetzt werden, um zu verhindern, dass das Immunsystem das fremde Organ abstößt. Ein geschwächtes Immunsystem aber nutzt möglicherweise dem Krebs. Sollten weitere Organe befallen sein, sind die Aussichten schlecht.

Jobs Prognose aber galt als "exzellent", wie man am Methodist University Hospital Transplant Institute im Memphis, Tennessee, wo er operiert worden war, erklärte. Experten zufolge ist es nicht ungewöhnlich, dass Patienten nach der Diagnose "Neuroendokriner Inselzellen-Tumor" sechs oder mehr Jahre überleben. Manche gelten nach Operationen sogar als komplett geheilt.

Woran Steve Jobs nun auch gestorben ist - die Errungenschaften der modernen Medizin haben ihm noch sieben erfolgreiche Jahre geschenkt.

In Stanford hatte Jobs den Tod als "möglicherweise beste Erfindung des Lebens" beschrieben. Denn "it clears out the old to make way for the new".

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