Von Hanno Charisius

Das größte Krebsforschungsprojekt der Geschichte hat die genetischen Veränderungen aufgespürt, die zwei der tödlichsten Krebsarten auslösen.

Mit immensem Aufwand haben internationale Forschergruppen die genetischen Veränderungen aufgespürt, die zwei der tödlichsten Krebsarten auslösen. Sie untersuchten Gewebe aus Hirntumoren sowie Pankreasgeschwüren und entdeckten dabei Hunderte von Veränderungen im Erbgut.

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Hirntumoren sind meist tödlich. (© Foto: ddp)

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Die Daten zeigten, dass Krebs eine weitaus komplexere Erkrankung sei, als bislang angenommen, sagt Kenneth Kinzler, einer der drei führenden Autoren von zwei Studien, die am heutigen Freitag in Science (online) veröffentlicht wurden. Außerdem fanden die Forscher heraus, dass jeder Tumor eine individuelle Mischung von genetischen Veränderungen in sich trägt.

"Wenn Sie 100 Patienten betrachten, haben Sie es mit 100 verschiedenen Krankheiten zu tun", sagt Bert Vogelstein, der die Untersuchungen zusammen mit Kenneth Kinzler und Victor Velculescu von der Johns Hopkins University in Baltimore aus koordiniert hat.

In den untersuchten 22 Glioblastomen, der bösartigsten Hirntumorart, fanden die Forscher durchschnittlich 60 genetische Veränderungen; in den 24 Proben vom Krebs in der Bauchspeicheldrüse waren es 63. Sie spürten in den jeweils analysierten 20661 Genen nicht nur Punktmutationen auf, bei denen einzelne Erbgutbausteine fehlerhaft sind, sondern entdeckten auch, dass Gene manchmal gelöscht oder an anderen Stellen vervielfältigt wurden. Und sie konnten die Aktivität der Gene bestimmen.

Zusammen ergeben all diese Informationen detaillierte Porträts der beiden Krebsleiden. Sie könnten helfen, Diagnose und Therapie dieser Tumoren, die in 95 Prozent der Fälle tödlich sind, zu verbessern. So habe sich gezeigt, dass viele der veränderten Gene Bestandteil zentraler Abläufe in der Zelle sind, erklärt Vogelstein, "das eröffnet einen neuen Blick auf den Krebs".

Zukünftige Therapien sollten daher seiner Ansicht nach auf diese Mechanismen abzielen und nicht mehr auf ein einzelnes Gen oder sein Produkt. Zeitgleich mit den Arbeiten aus Baltimore veröffentlichte auch das Journal Nature eine Untersuchung des Glioblastom-Genoms auf seinem Internet-Server.

Die treibende Kraft hinter dieser Studie war ein Forscherkonsortium mit dem Namen The Cancer Genome Atlas - TCGA, wie auch die vier molekularen Grundbausteine des Erbguts abgekürzt werden. Die Gruppe startete vor drei Jahren mit 100 Millionen Dollar Vorschuss vom amerikanischen Gesundheitsministerium. Ziel des Projekts ist, für jede der bekannten 230 Krebsarten Gewebeproben von je 500 Patienten zu analysieren: Ein wissenschaftlicher Gewaltakt, der in zehn Jahren um die 1,5 Milliarden Dollar verschlingen wird.

Allerdings kartiert das TCGA-Projekt nicht das komplette Erbgut einer Zelle, sondern konzentriert sich zunächst auf 600 Gene, von denen bekannt ist, dass sie eine Rolle bei der Krebsentstehung spielen. Mit diesem Schnellverfahren konnten die Forscher einige der Gen-Varianten identifizieren, die auch in der Science-Publikation aufgelistet sind.

Neue Krebsgene konnten sie hingegen nicht aufspüren. Doch können sie mit ihrem Verfahren prüfen, worin die genetische Ursache dafür liegt, dass manche Glioblastome auf eine Chemotherapie ansprechen, andere aber nicht. Die beiden Ansätze seien "komplementär zueinander", sagt Kenneth Kinzler. Deshalb profitieren beide Gruppen von den Ergebnissen der anderen.

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(SZ vom 05.09.2008/mcs)