Kornkreise Aliens oder Rentner?

Um die großen Figuren, die über Nacht in Kornfeldern auftauchen, präzise, schnell und unbemerkt zu gestalten, sind viel Sachverstand und mehr Ausrüstung als nur Seile und Bretter nötig. Womöglich nutzen die Künstler längst Laser und GPS-Geräte zur Orientierung.

Von Christopher Schrader

Die Figur präzise zu zeichnen, wäre schon auf Papier schwierig gewesen, von einem Kornfeld ganz zu schweigen. Doch eines Morgens im Juli 2010 ging die Sonne über einem Acker im schweizerischen Ort Hochfelden auf, wo Unbekannte 67 Kreise und lange, geschwungene Gänge im fast reifen Getreide hinterlassen hatten.

Zusammen bildeten sie eine elegante dreiarmige Spirale, 120 Meter groß. Es war eine "dreifache Julia", benannt nach dem französischen Mathematiker Gaston Julia, einem Pionier der Chaosforschung. Für den Physiker Richard Taylor von der University of Oregon ist die Figur ein Produkt der "am stärksten wissenschafts-orientierten Kunstbewegung aller Zeiten".

Kornkreise sind inzwischen ein internationales Phänomen, auch wenn die meisten von ihnen in Großbritannien entstehen: Eines der jüngsten Beispiele ist der Pfeife rauchende Alien; er wurde vor einer Woche in Wiltshire entdeckt. Forscher wie Taylor haben sich seit Jahrzehnten schwer getan, die Entstehung der Figuren zu erklären.

Meteorologische Phänomene scheiden angesichts der komplizierten Designs weitgehend aus. An Zeichen von Ufobesatzungen zu glauben, verbietet sich für die meisten Wissenschaftler. Aber die vermutlich verantwortlichen menschlichen Scherzbolde zu erwischen oder nur mit ihnen Kontakt aufzunehmen, ist auch kaum gelungen.

Anfang der 1990er-Jahre hatten sich allerdings zwei britische Rentner geoutet. Sie hatten die Kornkreise als Scherz gestartet und waren in ein Fernduell mit einem kanadischen Meteorologen geraten. Er stellte immer ausgefeiltere Theorien von Wirbelwinden und elektrischen Feldern auf. Die Briten antworteten mit immer komplizierteren Figuren, die natürliche Ursachen immer unwahrscheinlicher erscheinen ließen. Ihr Geständnis stellte den Kanadier bloß.

Auch wegen dieser Erfahrung trauen sich wenige Wissenschaftler an das Thema heran, schreibt Taylor nun zum Höhepunkt der Kornkreis-Saison in Physics World. Doch große Figuren wie die dreifache Julia präzise, schnell und unbemerkt zu gestalten, erfordert viel Sachverstand und mehr Ausrüstung als Seile und Bretter, die für simple Kreise ausreichen. Womöglich nutzen die Künstler - oder aus Sicht der betroffenen Bauern: die Vandalen - längst Laser und GPS-Geräte zur Orientierung.

Die Halme schließlich werden vielleicht mit einem Magnetron umgelegt, der per Autobatterie betriebenen Strahlungsquelle eines Mikrowellenofens. Messungen an Kornfiguren haben laut Taylor gezeigt, dass im Inneren der Kreise die sogenannten Pulvini - Verdickungen der Stengel, die als Gelenk funktionieren können - verlängert waren. Das macht die Halme instabil.

Spätere Berechnungen zeigten, dass ein Magnetron auf einer vier Meter langen Stange das Getreide in einem Neun-Meter-Umkreis in den verformbaren Zustand versetzt; die verbogenen Halme kühlen dann aus und halten ihre Position.