Kopenhagener Zoo Zoodirektor erhält Morddrohungen wegen toter Giraffe Marius

In einem Zoo wird eine Giraffe getötet, nun fürchtet der Direktor um sein Leben. Auch Tierschützer empört die Schlachtung des Tiers. Doch die Alternativen dazu sind riskant.

Von Katrin Blawat

Der erste Schnitt öffnet die Bauchdecke, dann sind Brust und Hals dran. Getrocknetes Blut klebt am Kopf des Tieres, ausgetreten aus dem Einschussloch des Bolzenschussapparates. Dann schneidet der Tierarzt ein Bein ab, Helferinnen schleifen es fort. In allen Details konnten Besucher des Kopenhagener Zoos am Sonntag bei der Autopsie einer Giraffe zugucken. Viele Tiermedizin-Studenten seien gekommen, sagt Zoo-Sprecher Tobias Stenbæk Bro, aber auch zahlreiche Familien mit kleinen Kindern. Die standen ganz vorne und waren offenbar fasziniert von dem aufgeschnittenen Giraffenkörper vor ihnen - zumindest erwecken die im Internet kursierenden Videos diesen Eindruck.

Das Schicksal des Tieres hatte schon Tage vor der Autopsie weltweit Aufregung verursacht, als bekannt wurde, dass der Kopenhagener Zoo den anderthalbjährigen Giraffenbullen Marius töten würde. Grund dafür war, salopp gesagt, dass der Bulle, obwohl er gesund war, nichts Sinnvolles zur Erhaltung seiner Art leisten könne. Also sollte er seinen Körper der Wissenschaft vermachen - und den Löwen im Zoo, die später Teile des Tieres zu fressen bekamen. Öffentlich war die Autopsie, "weil wir es für eine wichtige unserer Aufgaben halten, unseren Besuchern Wissen über die Tiere zu vermitteln", sagt der Zoosprecher.

Ethisch unverantwortlich oder notwendig?

Nach Meinung des Zoos war die Tötung die einzig sinnvolle Möglichkeit, mit Marius umzugehen - aus der Sicht vieler Tierschützer hingegen eine Katastrophe. "Ethisch unverantwortlich" sei das Vorgehen des Kopenhagener Zoos, urteilt der Deutsche Tierschutzbund. Auf Plakaten und im Internet hatten Tierschützer zuvor gefordert, die Giraffe am Leben zu lassen. Sogar Morddrohungen hätten er und Bengt Holst, wissenschaftlicher Direktor des Zoos, bekommen, sagt Sprecher Stenbæk Bro. "Damit, dass die Proteste so weite Kreise ziehen, haben wir nicht gerechnet. Schließlich machen wir so etwas 20 bis 30 Mal im Jahr." Gazellen, Nilpferde, Leoparden und Braunbären wurden in Kopenhagen schon aus den gleichen Gründen getötet wie nun der Giraffenbulle. "Es ist ein Standard-Verfahren in vielen europäischen Zoos", sagt Stenbæk Bro.

Sätze wie diese beruhigen die Tierschützer naturgemäß nicht. Doch sie beinhalten eine Wahrheit, die man als Besucher vor dem Giraffen-, Löwen-,oder Nilpferdgehege leicht ausblendet: Die meisten Zoos sind kein Gnadenhof für Wildtiere, die in freier Natur keinen Platz mehr finden. Weil selbst in den bestausgestatteten Zoos Platz und Geld begrenzt sind, muss die Zahl ihrer Bewohner reguliert werden. Bei seinen Eltern kann der Nachwuchs vieler Tierarten nur bis zur Geschlechtsreife bleiben. Bei Giraffen setzt sie mit etwa anderthalb Jahren ein. Hätten Marius und sein Vater länger im selben Gehege gewohnt, hätten sich beide bald heftig bekämpft.

Schlechte Karten haben Tiere, deren Gene für den Erhalt der Art nicht mehr gebraucht werden - etwa, weil sie, wie in Marius' Fall, in der Population bereits ausreichend vertreten sind. Hätte man Marius zur Zucht eingesetzt, wäre das Risiko von Inzuchtschäden zu groß gewesen, begründet der Kopenhagener Zoo seine Entscheidung. "Wenn wir die Zucht nicht steuern würden, würde es in 100 Jahren in Zoos keine gesunden Giraffen mehr geben", sagt Stenbæk Bro. So hätte es aus Sicht des Zoos auch keinen Sinn ergeben, Marius an eine andere Einrichtung abzugeben.