Kommentar Wie weltfremd darf die Wissenschaft sein?

Wissenschaft kann politisch sein: Demonstranten bilden einen symbolischen Gletscher anläßlich des UN-Klimagipfels in Paris.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Menschheit steht vor großen Herausforderungen. Doch das Wissenschaftssystem bleibt starr. Das muss sich ändern.

Kommentar von Patrick Illinger

Die Wissenschaft tut sich schwer mit den großen Dingen. Damit sind nicht Forschungsgegenstände wie das Weltall oder das Genom gemeint, sondern die Herausforderung, das eigene Tun in große Zusammenhänge einzubetten. Dem einzelnen Wissenschaftler ist natürlich nicht vorzuwerfen, wenn er sich auf sein - zunehmend spezielles - Forschungsobjekt konzentriert. Aber wie ist es mit dem System an sich?

Zwei Ereignisse des vergangenen Jahres stimmen nachdenklich. Im April erschien ein Positionspapier des Wissenschaftsrates, des einflussreichsten Gremiums in strukturellen Fragen der Wissenschaft. Die Schrift sollte aufzeigen, ob die Forschung angemessen mit globalen Herausforderungen wie Klimawandel, Weltbevölkerung, Ressourcenknappheit und Energiewende umgeht. Das Papier ist, kurz gesagt, ein Dokument des Scheiterns.

Das Symptom eines erstarrten Systems

Nach anderthalb Jahren Beratung war es dem Rat nicht gelungen, auch nur einen einzigen greifbaren veränderungswürdigen Punkt im deutschen Wissenschaftssystem zu nennen. Es ist das Symptom eines erstarrten, gegen Selbstkritik immun gewordenen Systems.

Deutlich mehr Bewegung brachten die Wissenschaftsakademien der G-7-Staaten im Juni aufs politische Parkett. Wirkmächtig wurden den Lenkern der größten Industriestaaten vor deren Treffen im bayerischen Elmau unterschätzte globale Herausforderungen auf die Tagesordnung gesetzt - die Zukunft der Meere, Tropenkrankheiten, Antibiotikaresistenzen.

Und dennoch: Wenn beispielsweise im Kampf gegen die bedrohlich erstarkende Tuberkulose Milliarden Euro fehlen, warum erkundet die Wissenschaft nicht in einem selbstorganisierten Kraftakt, ob vielleicht ein Teil des in diesem Lande doch beträchtlichen Forschungsbudgets auf dieses Thema konzentriert werden sollte?

Kein Motor für gesellschaftliche Veränderungen

Doch die Ansage an Politik und Gesellschaft lautet: Ihr bekommt mehr, wenn ihr mehr bezahlt, aber der Bestand muss gewahrt bleiben. Dumm an dieser Haltung ist: Das mag in guten Zeiten funktionieren. In schlechten Zeiten wird die Veränderung von außen diktiert, und die Wissenschaft wird sich nach der Zeit zurücksehnen, in der sie die Dinge noch selbst hätte steuern können.

Bei all den ins Uferlose getriebenen Bemühungen, die wissenschaftliche Exzellenz einzelner Institute, Universitäten und Organisationen zu prüfen: Es muss auch die Frage gestellt werden, wie lange die Wissenschaft sich als unantastbare Künstlerwerkstatt profilieren will statt auch als Motor, Impulsgeber sowie Moderator gesellschaftlicher Veränderungen. Mittlerweile gäbe es eine weitere große Herausforderung: den beängstigend zunehmenden Extremismus.

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