Von Werner Bartens

Am Freitag entscheidet der Bundestag, ob die Stichtagsregelung zur Stammzellforschung gelockert werden soll. Die Aufregung um die umstrittene Forschung ist allerdings medizinisch nicht gerechtfertigt.

Ob Forscher oder Facharbeiter, Pfarrer oder Politiker - sie alle waren mal eine Stammzelle.

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Zur Stammzellgewinnung wird einem menschlichen Embryo eine einzelne Zelle entnommen. (© Foto: AP/ACT)

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Dass aus dem menschlichen Grundgewebe sowohl ein verschrobener Sonderling hinter dem Reagenzglas als auch ein betörender Verführer werden kann, dass Günther Oettinger wie Marilyn Monroe aus ähnlichem Ausgangsmaterial entstanden sind, scheint eigentlich Beweis genug dafür zu sein, dass Stammzellen zu Recht immer wieder ein enormes Potential zugesprochen wird.

Die übertriebenen Umschreibungen der Zellen als Tausendsassas und Alleskönner im Labor tragen ein Übriges zu dieser Wahrnehmung bei.

Wenn am Freitag der Bundestag darüber entscheidet, ob die Stichtagsregelung zur Forschung an Stammzellen beibehalten oder gelockert werden soll, hat es diese vergleichsweise neue Forschungsrichtung erneut geschafft, einen Großteil der gesellschaftspolitischen Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Medizinisch gerechtfertigt ist das nicht - spannend ist die Stammzelldebatte seit Jahren hauptsächlich unter PR-Gesichtspunkten oder als Anschauungsmaterial für beharrliche Akzeptanz-Rhetorik.

Entscheidend sind zwei immer wieder variierte Argumentationsmuster: Die Beschwörung des ethischen Dilemmas sowie die vorauseilende Heilserwartung. Die ethischen Herausforderungen, die sich aus der Stammzellforschung ergeben, beruhen auf ihrer Gewinnung.

Um embryonale Stammzellen erforschen zu können, werden Embryonen zerstört, die von Gegnern einer liberaleren Stichtagsregelung als "potentielles Leben", von Befürwortern hingegen als "Zellhaufen" bezeichnet werden.

Ohne diese Reizworte, ohne die Verweise darauf, dass die Forschung moralische Standards in Gefahr bringt - es aber auch eine Ethik des Heilens gibt -, würde sich niemand für die Zellen interessieren. Diese Forschung braucht die bedrohte Ethik, um im Gespräch zu bleiben - auch wenn die Ethik längst in Kommissionen ausgelagert ist.

Beruhigende Weissagungen

Kein Bericht und keine Diskussion über Stammzellen kommt zudem ohne die beruhigende Weissagung aus, dass mit Hilfe von Stammzellen "schon bald" Leiden wie Alzheimer, Parkinson, Diabetes oder Herzinfarkt ihren Schrecken verlieren werden. Kranke Zellen sollen durch gesunde ersetzt werden. So einfach ist das.

Lediglich über den Zeitpunkt, zu dem die gelobte Therapie über die Menschen kommen wird, sind sich ihre Propheten noch uneinig. So wird aus vager Heilshoffnung eine Heilslehre.

Es ist bezeichnend, dass fast nur Laborforscher - oft Chemiker oder Biologen und keine Ärzte - die Stammzellforschung preisen. Im naturwissenschaftlichen Experiment geht es darum, möglichst viele Einflüsse auszuschließen, die Komplexität zu reduzieren. Das Experiment isoliert ein Einzelereignis, reißt es aus seinem Zusammenhang - im Fall der Stammzellen aus dem Kontext des Organs, des Organismus, des gesamten Menschen. Aus diesem Grund lässt sich das Weltbild aus dem Labor auch nicht auf Menschen übertragen. Menschen sind Komplexitäts-Vermehrer.

Menschenärzte, die sich nicht als Labormediziner verstehen, wissen das. Sie wissen, dass zehn Diabetikern nur gemein ist, dass sie ähnliche Probleme mit dem Zuckerstoffwechsel haben. Ansonsten sind sie grundverschieden. Kein Wunder daher, dass Ärzte, die sich in der Hauptsache um Patienten kümmern, mit Stammzellforschung nichts am Hut haben.

Menschen reagieren unterschiedlich auf Therapie

Es ist eigentlich banal, droht in einer technisch dominierten und molekular reduzierten Medizin aber in Vergessenheit zu geraten: Menschen, erst recht kranke Menschen, reagieren unterschiedlich auf Krankheit wie auf Therapie. Ein Parkinson-Kranker kann noch jeden Tag joggen, der andere ist bettlägerig. Ein Diabetiker läuft Marathon, dem anderen muss der Fuß amputiert werden.

Manche Ärzte, die Schwerkranke behandeln, finden es verlogen, wie Patienten Hoffnung auf Heilung gemacht wird. Denn tatsächlich sind Stammzellen derzeit nur der symbolpolitische Ersatz für seit Jahren beschworene, aber bisher ausbleibende weitere Erfolge der Medizin. Patienten kommt die Forschung mit Stammzellen nicht zugute. Derzeit sowieso nicht, vielleicht nie. Die Versorgung der Kranken, die Erforschung der Umstände, wie Patienten im Alltag besser geholfen werden kann, kommt hingegen zu kurz. Jetzt schon, jeden Tag.

Man kann zwar in der Medizin das eine tun und das andere nicht lassen - aber in der Realität sind die Mittel für die Heilkunde begrenzt. Es gibt genug Patienten in Kliniken, bei denen der Magen leer und der Rücken wund ist und die aufgrund der Einsparungen in der Pflege nicht mehr genügend Flüssigkeit bekommen.

Es fehlen schlichtweg die Schwestern, die sich die Zeit nehmen, bedürftigen Patienten geduldig zu Trinken zu geben. Hier zeigen sich die wahren ethischen Bedrohungen der Medizin. Angesichts der wirkmächtigen Rhetorik der Stammzellforscher und anderer Laborarbeiter geraten die Probleme der Patienten jedoch in den Hintergrund.

Ohne ständig an dem Tabu zu kratzen, ungeborenes Leben zu vernichten, wäre die Stammzellforschung eine genauso abseitige Grundlagendisziplin wie die Erforschung der Phosphorylierung als Mittel der Signaltransduktion.

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(SZ vom 10.04.2008/mcs)