Kohlendioxid-Emissionen Schlimmer als die schlimmste Prognose

Die Anstieg war doppelt so hoch wie erwartet: Im Jahre 2010 hat der Kohlendioxid-Ausstoß auf der Welt um mehr als sechs Prozent zugenommen - trotz Wirtschaftskrise. Das übertrifft selbst die pessimistischsten Prognosen des Weltklimarates.

Von Christopher Schrader

Diese Art von ausgleichender Gerechtigkeit kann den Buchhaltern des Klimawandels nicht recht sein. 2009 hatten die Mitarbeiter des Global Carbon Projects wegen der Wirtschaftskrise einen großen Rückgang der globalen Kohlendioxidemissionen prophezeit, doch letztlich war der Rückgang halb so hoch wie erwartet.

Für 2010 rechneten sie dann zwar mit einer Umkehrung des Trends. Doch nun ist die Zunahme der Emissionen offenbar doppelt so hoch wie vorhergesagt: Nicht nur bei drei Prozent, sondern voraussichtlich bei sechs Prozent - das wäre ein Rekordwachstum. Zu diesem Ergebnis kommen vorläufige Schätzungen des Carbon Dioxide Information Analysis Centers (CDIAC) am amerikanischen Oak-Ridge-Nationallabor. Das endgültige Zahlenwerk veröffentlichen die Mitarbeiter des Carbon Projects traditionell um den 20. November herum in einer Fachzeitschrift.

Das sei ein "monströser Anstieg", sagte Gregg Marland von der Appalachian State University im US-Staat North Carolina einem AP-Reporter. Marland hat die Zahlen zusammen mit dem CDIAC-Direktor Tom Boden zusammengestellt. Dieser ergänzte, der "große Sprung" belege, dass die "globale Finanzkrise vom Standpunkt der Emissionen her offenbar vorbei ist". Die Industrieproduktion und der private Verbrauch, besonders die Reisetätigkeit, seien nach dem Rückgang 2009 im darauffolgenden Jahr wieder gestiegen. "Das erschreckende Ausmaß und die unglaubliche Geschwindigkeit des weltweiten Klimawandels sind in höchstem Maße alarmierend", sagte auch Grünen-Vorsitzende Claudia Roth.

Der Sechs-Prozent-Anstieg passt zu Schätzungen, die der Chef-Ökonom der Internationalen Energie-Agentur in Paris, Fatih Birol, bereits Ende Mai 2011 genannt hat. Er sprach von einem 5,9-prozentigen Wachstum von 2009 auf 2010. Damit hätten die globalen Emissionen eine Entwicklung erreicht, die die schlimmsten Erwartungen des Weltklimarates übertrifft. Dieser hatte in seinem Gutachten von 2007 mehrere Szenarien skizziert, wie die Menge der Klimagase in der Atmosphäre zunimmt - keines davon hält mit der Realität Schritt.

Wieviel CO2 genau ausgestoßen wird, ist schwierig auszurechnen

Auszurechnen, wie viel Treibhausgas die Menschheit pro Jahr freisetzt, ist eine schwierige Aufgabe. Zum einen wird CO2 beim Verbrennen von Kohle, Erdöl und Erdgas in Kraftwerken, Automotoren und Heizkesseln frei - dieser Anteil ist anhand der Handelsstatistiken noch einigermaßen zuverlässig zu bestimmen. Zudem entstehen vergleichsweise geringe Emissionen, weil Ölbohrplattformen im Meer Erdgas abfackeln, das als Beiprodukt mit gefördert wird; darüber gibt es keine genauen Bilanzen. Größere Mengen Kohlendioxid werden zudem bei der Herstellung von Zement frei, wenn das CO2 aus dem verarbeiteten Kalkstein entweicht. Und schließlich haben Veränderungen am Gebrauch von Landflächen Konsequenzen für die Treibhausgase, weil frisch gerodeter Ackerboden nicht so viel Kohlendioxid bindet wie Wald.

Bei der Nennung von Zahlen muss man daher genau auf den Bezug achten. Die Schätzungen des CDIAC beziehen sich auf alle Quellen außer der Landnutzung. Hier sind die Emissionen um 1,9 auf 33,5 Milliarden Tonnen CO2 gestiegen. Hinzu dürften etwa drei Milliarden Tonnen wegen der Veränderung in der Bodennutzung kommen; diese Zahl wird nicht jährlich neu bestimmt. Allerdings verzerrt der Vergleich von 2010 mit dem Krisenjahr 2009 die Wahrnehmung: Seit 2008 ist der Ausstoß um 4,5 Prozent gewachsen, also auf die einzelnen Jahre bezogen um moderatere Werte.

Diese Blickweise liefert gute Hinweise, woher die Rekordzahlen für 2010 kommen. Die Emissionswerte für Indien und China zeigen nämlich keinerlei Anzeichen einer Krise im Jahr 2009. Indiens CO2-Ausstoß hat zweimal um neun Prozent zugelegt, der von China erst um sechs und dann um zehn Prozent. Zusammen machen die beiden Länder mehr als die Hälfte der globalen Zunahme aus.

Auch viele Industriestaaten zeigten Wachstum, lagen mit ihren Emissionen 2010 aber immer noch deutlich unter den Werten von 2008. In Deutschland zum Beispiel folgte auf eine siebenprozentige Abnahme ein vierprozentiges Wachstum. Ähnliche Werte zeigen die USA, Frankreich, Großbritannien und Japan. Teilweise folgen diese Werte aber auch dem politischen Plan, die Emissionen zu begrenzen, um dem Kyoto-Protokoll zu entsprechen.