Körper und GeistStille Macht - Was Forscher über Ruhe wissen

In einer lärmenden Welt ist Stille zum Luxusgut geworden. Wir schenken Ihnen dazu die interessantesten Fakten: Welche deutsche Stadt ist am leisesten? Und wie klingen Schneeflocken?

Wir suchen sie, wir fürchten sie. "Ruhe, jetzt!" würden wir am liebsten brüllen, wenn uns der Lärm der anderen quält, das Piepsen der Elektronik, das Handygequatsche in der U-Bahn, das Dröhnen des Verkehrs. Ärgerlicherweise - Rätsel der Evolution - lassen sich die Augen, nicht aber die Ohren zuklappen. Doch auch absolute Ruhe irritiert ein auf Empfang gestelltes Gehirn.

Das wird manchmal vergessen in all den Wohlfühlratgebern, in denen so getan wird, als sei Stille immer nur Wellness für die Seele. Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass Ruhe ein rares Gut geworden ist, vor allem wenn man sie nicht nur streng akustisch versteht. Denn laut war es bereits vor Jahrhunderten, zumindest in den Städten. Das Getrappel der Pferdehufe, das Hämmern der Blechschmiede muss die Ohren betäubt haben. Doch die Menschen blieben - Stadtluft macht frei.

Spätesten mit der Digitalisierung der Welt, dem Lärmen und Blinken bald aller Dinge hat sich erneut was verändert. "Pling" wird bald nicht nur die Email machen, sondern auch die Zahnbürste, die an den Arztbesuch erinnern, der Kühlschrank wird nach neuen Milchtüten quengeln. Die Angriffe auf unsere Aufmerksamkeit weiten sich aus, sie schaffen einen neuen Bedarf nach Ruhe.

Stille ist zu einer knappen Ressource geworden und damit zu einer marktfähigen Ware, vielleicht sogar zu einem Luxusprodukt. Billig ist die Wohnung an der Stadtautobahn, kaum noch bezahlbar das Häuschen im Grünen. Ruhe findet der Reisende nicht im allgemeinen Bereich des Flughafens, wo ihn die Reklametafeln angrinsen, sondern in der Business-Lounge, zu der nur die Passagiere mit den superteuren Tickets Zutritt haben. Silence sells.

In Maßen tut sie dem Menschen auch gut. Nur in der Stille kann sich der Mensch konzentrieren und erholen, lesen und lernen. Vielleicht lassen sich manche Entscheidungen erst treffen, wenn man sich ein paar Tage auf eine Berghütte begibt.

Doch je ruhiger es um uns ist, desto lauter wird es in uns. In schalltoten Räumen hört man irgendwann das eigene Blut brausen. Auch die Gedanken fangen an zu lärmen, weil Ablenkung fehlt. Nur der erfolgreich Meditierende schafft es dann, sie einfach an sich vorbeiziehen zu lassen.

Von ihm kann aber jeder etwas lernen für den Umgang mit den Geräuschen der Welt: Es lässt sich nicht in Dezibel beziffern, wie viel Lärm man erträgt oder wie viel Stille man braucht. Entscheidend ist, welche Gedanken und Gefühle dabei entstehen. Die unterscheiden sich von Kopf zu Kopf. Erhaben ist für manche der Donner im Sommergewitter, beängstigend für die meisten die Totenstille nach einem Anschlag. Doch gehört es zum Schicksal des Menschen, das er sich nicht immer aussuchen kann, was er zu hören hat.

Lesen Sie - ganz in Ruhe - unter den folgenden Bildern weitere interessante Aspekte zum Thema "Stille". Von Christian Weber

24. Dezember 2017, 11:192017-12-24 11:19:48 © SZ.de/fehu