Klimawandel Wie hoch steigt das Meer?

Experten sind uneins darüber, wie stark der Klimawandel die Ozeane anschwellen lässt. Klar ist: Die Erkenntnisse des UN-Klimarats sind bereits überholt.

Von Axel Bojanowski

Eine Handbreit, kniehoch, oder mehr als einen Meter? Klimaforscher überbieten sich zurzeit mit Prognosen zum Anstieg der Meeresspiegel. Politikern ergeht es dabei wie Normalbürgern: Sie blicken nicht mehr durch.

Dabei wäre Klarheit gut: Im Dezember wollen die Vereinten Nationen einen Vertrag über die weltweite Verringerung von Treibhausgasen schließen. Doch auf welchen Vorhersagen soll dieser gründen?

Vor zwei Jahren hat der Klimarat der Vereinten Nationen IPCC das Wissen über das Klima in einem Bericht zusammengefasst. Seither haben neue Studien die Erkenntnisse teilweise überholt. Deshalb tragen in dieser Woche 2000 Klimaforscher in Kopenhagen den neuesten Stand des Klimawissens zusammen. Speziell die Prognosen zum Meeresspiegel klaffen jedoch weit auseinander.

Das Problem: Alle Szenarien basieren auf guten Argumenten.

Das glimpflichste Szenario

Im vierten Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC aus dem Jahr 2007 hieß es, die Meeresspiegel würden im Zuge der Klimaerwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts zwischen 18 und 59 Zentimeter steigen. Deiche und Küstenschutz müssten demnach weltweit verstärkt werden.

Satellitendaten hatten ergeben, dass sich der Meeresspiegel seit 1993 im globalen Durchschnitt beschleunigt angehoben hatte. Zuvor war er um 1,8 Millimeter pro Jahr angestiegen, seit 1993 um 3,1 Millimeter pro Jahr, konstatierte der IPCC-Bericht. Behielten die Ozeane dieses Tempo bei, lägen die Ozeane im Jahr 2100 etwa 30 Zentimeter höher.

Es handele sich womöglich um natürliche Schwankungen, beschwichtigte der IPCC-Bericht. Schließlich sei der Meeresspiegel am Anfang des 20. Jahrhunderts schon mal ähnlich schnell angestiegen.

Der Wissenschaftsanalytiker David Wasdell warf dem IPCC jedoch vor, allzu vorsichtige Schätzungen abzugeben. Die betreffende Arbeitsgruppe widersprach vehement. Es sei "voreilig", ein beschleunigtes Anschwellen der Ozeane anzunehmen, konterte die Gruppe.

Eine Studie vom Sommer 2007 schien ihnen Recht zu geben. Schwankungen der Erdkruste gaukeln einen schneller steigenden Meeresspiegel vor, berichteten Klimaforscher um Guy Wöppelmann von der Universität La Rochelle. Die Ozeane seien nicht um 3,1, sondern um 1,3 Millimeter pro Jahr gestiegen - also keine Beschleunigung. Neuere Messungen deuten auf einen Anstieg um 2,5 Millimeter pro Jahr zwischen 2003 und 2008 hin.

Etwa die Hälfte des Meeresspiegelanstiegs führt der IPCC auf das vergrößerte Volumen von wärmerem Wasser zurück. Dieser Prozess werde sich wohl im Zuge der globalen Erwärmung fortsetzen. Ein Viertel des bisherigen Anstiegs stammt laut Weltklimarat von schmelzenden Gebirgsgletschern.

Doch diese dürften bis Mitte des Jahrhunderts so weit geschrumpft sein, dass ihr Schmelzwasser die Meerespegel nicht mehr nennenswert beeinflusst. Für die riesigen Gletscher der Antarktis sagen manche Forscher sogar eher Wachstum als Schmelze voraus. In einer wärmeren Umwelt verdunste mehr Wasser, das über der Antarktis als Schnee niedergehen würde. Gleichwohl registrieren Glaziologen in den letzten Jahren verstärkte Schmelze im Westen der Antarktis.

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