Erderwärmung Klimawandel macht Seen immer wärmer

Nass ja, aber immer weniger kühl. Weltweit erwärmen sich Seen durchschnittlich um mindestens 0,36 Grad pro Dekade. Hier ein Wanderer am Easedale Tarn See im Britischen Lake District.

(Foto: Tim Graham/imago)
  • Um 0,34 Grad Celsius innerhalb von jeweils zehn Jahren ist die durchschnittliche Sommer-Oberflächentemperatur von 235 untersuchten Seen weltweit gestiegen.
  • Der Klimawandel verschärft den Stress, den Gewässer durch Überfischung und die intensive Nutzung der Ufer haben, erklären Forscher.
  • "Wir unterschätzen den Trend eher, als dass wir ihn überschätzen", sagt die Leitautorin der Studie.
Von Christopher Schrader

Es lächelt der See, er ladet zum Bade - die ersten Worte aus Schillers Drama "Wilhelm Tell" sind spätestens seit Pfingsten wieder aktuell: Teich, Tümpel, Weiher, Maar, Talsperre oder Baggersee, ganz egal, Hauptsache nass und kühl.

Nass werden die Binnengewässer auch in Zukunft sein, aber ob das mit der Kühle so bleibt, ist ungewiss. Viele Seen erwärmen sich im Zuge des Klimawandels offenbar schneller als Land und Luft. Um 0,34 Grad Celsius innerhalb von jeweils zehn Jahren ist die durchschnittliche Sommer-Oberflächentemperatur von 235 untersuchten Seen weltweit gestiegen.

Das stellte vor einiger Zeit eine große internationale Gruppe von Limnologen - Gewässerkundlern - fest. Die Landmassen kommen laut Weltklimarat IPCC auf etwa 0,26 Grad Erwärmung pro Dekade. Statistisch gesichert ist diese Differenz allerdings bislang nur für einzelne Seen.

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"Der Klimawandel verschärft den Stress, den Gewässer durch Überfischung und die intensive Nutzung der Ufer haben", sagt die Leitautorin der Studie, Catherine O'Reilly von der Illinois State University. Die Bedeutung der Seen könne kaum überschätzt werden, sie seien schließlich oft für die Wasserversorgung der Umgebung und das Funktionieren ihres jeweiligen Ökosystems entscheidend.

1,4 Millionen Seen auf der Erde sind größer als zehn Hektar

Dennoch war es schwierig, eine übergreifende Aussage für die enorme Zahl der Binnengewässer auf allen Kontinenten zu treffen: Schließlich gibt es global geschätzt hunderte Millionen, vielleicht sogar mehr als eine Milliarde Tümpel und Seen. Von diesen haben 1,4 Millionen eine Fläche von mindestens zehn Hektar (das ist gut die Hälfte der Hamburger Binnenalster). Die mittlere Erwärmung der gemessenen 235 Seen sei daher ein "vermutlich leidlich repräsentativer Wert", sagt O'Reilly. "Wir unterschätzen den Trend eher, als dass wir ihn überschätzen."

Das Team wertete Daten von 1985 bis 2009 aus, für jeden See lagen Messungen aus mindestens 13 Jahren vor. "Wir haben versucht, die Gewässer einzubeziehen, in denen die Wassertemperatur über längere Zeit kontinuierlich und systematisch gemessen worden sind", sagt Rita Adrian vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin, die an der Studie beteiligt war, "entweder mittels regelmäßiger direkter Messung der Oberflächentemperatur oder per Satellit."

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Unter den 235 Gewässern sind viele große und bekannte, zum Beispiel der Zürich- und Gardasee, der Wörthersee, der Balaton, die großen Seen an der amerikanisch-kanadischen Grenze, der Lago Argentino, der Nasser-Stausee in Ägypten, der Tanganjikasee in Ostafrika, der sibirische Baikalsee, Tonle Sap in Kambodscha und das Maroondah Reservoir in Australien. Deutschland ist mit Bodensee, Müggelsee (Berlin), Stechlinsee (Brandenburg) und Plußsee (Schleswig-Holstein) vertreten.

Zwischen den Seen der Studie gibt es große Abweichungen. Zwei Dutzend Gewässer haben sich den Daten zufolge in den vergangenen Jahrzehnten sogar abgekühlt, vor allem der Balaton (um 0,74 Grad pro Dekade), der dänische Limfjord und der Walensee in der östlichen Schweiz. Das könnten zum Teil statistische Ausreißer sein, Balaton und Limfjord zum Beispiel weisen nur jeweils 15 Jahre Daten auf: Da verfälscht ein zufällig warmes Jahr am Anfang oder ein kaltes am Ende der Zeitreihe leicht den Trend.

Zudem sind aus dem Forscherteam selbst Zweifel zu hören, ob die Balaton-Daten stimmen können. Am anderen Ende der Skala stehen der Franskjön in Schweden (plus 1,35 Grad pro Jahrzehnt), der Lake Superior in Nordamerika (plus 1,16 Grad) und der Müggelsee (plus 0,85 Grad pro Dekade). Auch der Bodensee liegt mit 0,53 Grad Zunahme klar über dem Mittelwert.