Klimawandel Schrumpfende Schafe

Die wilden Schafe auf der schottischen Insel Hirta waren lange ein biologisches Mysterium: Sie wurden immer kleiner. Warum, haben Wissenschaftler erst jetzt herausgefunden.

Von Tina Baier

Die wilden Schafe auf der schottischen Insel Hirta waren jahrelang ein biologisches Mysterium. Niemand konnte erklären, warum die Tiere immer kleiner werden - von 1985 bis heute ist ihre Körpergröße im Schnitt um fünf Prozent geschrumpft. Nun haben britische Biologen eine mögliche Lösung: Der Klimawandel sei die Ursache der seltsamen Entwicklung.

Nach den Regeln der Evolutionstheorie müssten die Schafe im Lauf der Zeit eigentlich immer größer werden, da kräftige Tiere normalerweise bessere Überlebenschancen haben und sich öfter paaren als kleine, schwache Exemplare. Sie bekommen mehr Nachwuchs, der ihre Gene für kräftigen Körperbau erbt. Der Klimawandel setzt dieses biologische Gesetz auf Hirta offenbar außer Kraft. Die Winter auf der Insel werden immer kürzer und milder, so dass nun auch schwächere Tiere überleben. Als Folge wachsen die Lämmer nicht mehr so schnell wie einst, als es darauf ankam, innerhalb der ersten Lebensmonate möglichst viel zuzunehmen, um den ersten Winter zu überleben.

Bessere Überlebensbedingungen

"Aufgrund des Klimawandels finden die Schafe fast das ganze Jahr hindurch Futter; die Überlebensbedingungen sind nicht mehr so hart, so dass nun auch langsamer wachsende Schafe eine Chance haben. Deshalb werden kleine Tiere in der Population häufiger", sagt Tim Coulson vom Londoner Imperial College, der die Untersuchung geleitet hat.

Die Lämmer von Hirta sind nicht das einzige Beispiel, in dem der Mensch den natürlichen Ablauf der Evolution verändert. Kanadische Dickhornschafe etwa trugen ihren Namen vor 30 Jahren noch zu Recht. Doch seit Trophäenjäger gezielt große Böcke mit prächtigen Hörnern abschießen, haben mickrige Exemplare einen Überlebensvorteil. Inzwischen haben viele Dickhornschafe ungewöhnlich kleine Hörner. Ähnliches gilt für Elefantenbullen, von denen in manchen Gebieten inzwischen jeder Zehnte ohne Stoßzähne zur Welt kommt - der beste Schutz vor Elfenbeinjägern. Auch der Kabeljau ist in den vergangenen Jahrzehnten geschrumpft. Kleine Fische haben bessere Chancen, durch die Netze der Fangflotten zu rutschen. Zudem wird der Kabeljau schneller geschlechtsreif und hat so die Möglichkeit noch schnell Nachwuchs zu bekommen, bevor er gefangen wird.