Klimawandel Letzte Hoffnung Sonnenschild

Wissenschaftler glauben, ein Sonnenschild könnte die Erderwärmung stoppen. Die Simulation nordamerikanischer Forscher zeigt, dass sich die Temperaturen damit innerhalb eines Jahrzehnts senken ließen.

Von Johannes Kuhn

Als auf den Philippinen 1991 der Vulkan Pinatubo ausbrach, fiel im darauffolgenden Jahr die Durchnittstemperatur weltweit um ein halbes Grad. Der kühlende Effekt hält immer noch an.

In der Luft hatte sich das ausgestoßene Schwefeldioxid mit Wasser zu Schwefelsäure verbunden. Diese Säuretröpfchen bildeten kleine Wölkchen, die wiederum wie ein Schirm einen Teil des Sonnenlichts reflektieren können.

Anhänger des "Geoengineering" sehen in der Schwefelschleuder Pinatubo ein Modell, um den Klimawandel zu bekämpfen. Geoengineering bedeutet, dass der Mensch technisch in die Abläufe auf der Erde eingreift, um für einen gewünschten Effekt zu sorgen. In diesem Fall hoffen Wissenschaftler, dass die globale Erwärmung gestoppt werden kann, indem einfach weniger Sonnenlicht auf die Erde gelassen wird.

Eine Variante eines solchen Schutzschildes wäre das Sähen von Schwefeldioxid in Wolken; eine andere die Anbringung von gigantischen Spiegeln Weltraum. Verfechter sehen darin vor allem einen Kostenvorteil, aber auch die Chance, dem Klimawandel zu entgehen, ohne weltweit klimaschonende Technologien einsetzen zu müssen. Der US-Forscher Ken Caldeira und sein kanadischer Kollege Damon Matthews haben nun anhand eines Computermodells simuliert, welche Effekte ein künstlicher Schild hätte.

Die Wissenschaftler untersuchten elf mögliche Szenarien und gingen gleichzeitig davon aus, dass der Ausstoß von Treibhausgasen ungebremst weitergeht. Bis Ende des Jahrhunderts wäre dann, so die Vorhersage, die CO2-Konzentration auf dem doppelten Niveau der vorindustriellen Zeit. In dem Fall müsste der Schild acht Prozent der Sonnenstrahlung abwehren, um die Temperatur auf das Niveau um 1900 zu senken.

In zehn Jahren auf Temperaturen von 1900

Tatsächlich, schreiben die Wissenschaftler in der Online-Ausgabe der Proceedings, könnte ein Schild dies auch im Jahr 2075 noch innerhalb eines Jahrzehnts bewerkstelligen, eine kurzfristige Lösung für ein äußerst komplexes Problem also. Doch das Modell hat einen Haken - der Schild müsste ständig funktionieren: Denn würde der Mensch nicht für eine konstante Menge an Schwefel in der Atmosphäre sorgen, oder käme eine Regierung plötzlich auf die Idee, die Sonnenspiegel zu zerstören, wären die Konsequenzen katastrophal.

Da sich durch den ungebremsten CO2-Ausstoß noch mehr Kohlendioxid der Atmosphäre befände, würde sich der Klimawandel daraufhin um ein 10 bis 20-faches beschleunigen. Die Temperatur könnte um zwei bis vier Grad ansteigen, berechneten die Wissenschaftler - wohlgemerkt: Innerhalb eines Jahrzehnts.

Um die Konsequenzen eines menschlichen Eingriffs in die natürlichen Abläufe verlässlich vorhersagen zu können, schreiben die Wissenschaftler, bedarf es noch genauerer Daten: So kann zwar eine globale Temperatursenkung erreicht werden, doch sie wird von Ort zu Ort verschieden hoch ausfallen.

Ein Schild könnte auch nicht die Probleme lösen, die dem direkten Einfluss des Kohlendioxids-Ausstoßes unterliegen: So würden die Niederschläge in den Tropen weiter zurückgehen - dort wäre es dann kühler, aber auch trockener. Dies hätte wiederum Folgen für die Lebensmittelproduktion und damit für die Ernährung der Weltbevölkerung.

Geoengineering, schlussfolgern die Wissenschaftler, sollte deshalb die letzte Option sein. Nicht ohne einen kleinen Seitenhieb schreiben sie: "Zweifler am Klimawandel argumentieren vielleicht für eine Verschiebung der Emissionssenkungen, weil sie nicht an die Vorhersagen von Klimamodellen glauben. Wenn wir allerdings an Geoengineering glauben wollen, braucht es ein noch weit größeres Vertrauen in solche Modelle."