Klimawandel Die Zeit drängt

Die Zeit drängt, und Nichtstun kostet. Je später die Welt sich entschließt, den Ausstoß an Treibhausgasen zu senken, desto steiler muss die Emissionskurve dann nach unten gebogen werden. Spät zu handeln, wird sehr viel teurer als früh etwas zu tun, das zeigen alle Studien. Mit den Emissionen wachsen auch die Risiken. Hitzewellen schädigen Ernten, extreme Regenfälle führen zu Überschwemmungen, der Anstieg des Meeresspiegels begünstigt Sturmfluten. Je später wir konsequent das Klima schützen, desto höher wird am Ende die Rechnung sein. Im schlimmsten Fall stehen Sicherheit und Frieden in vielen Weltregionen auf dem Spiel.

Chinas Pro-Kopf-Emission von CO₂ hat mittlerweile die der Europäer überholt

Zwar ist dem Global Carbon Project zufolge in China der Ausstoß von Treibhausgasen 2013 mit 4,2 Prozent weniger stark gestiegen als in den Jahren zuvor. Das aber ist ein schwacher Trost: Bei den Pro-Kopf-Emissionen hat China uns Europäer im vergangenen Jahr überholt. Die Emissionen der Vereinigten Staaten stiegen wieder, nachdem zuvor der Trend hier eher nach unten gewiesen hatte. In Indien betrug der Anstieg stolze 5,1 Prozent - nicht nur wegen des Wirtschaftswachstums: Auch der CO₂-Ausstoß pro Dollar Wirtschaftsleistung stieg. In der EU sinken die Emissionen, doch ausgerechnet Deutschland setzt wieder verstärkt auf die besonders schmutzige Kohle.

Es gibt angesichts dieser Zahlen manchmal eine merkwürdige resignative Erleichterung: Egal, man kann sowieso nichts mehr tun. Diese Haltung hat die Fakten gegen sich. So hat eine Arbeitsgruppe des Weltklimarates in diesem Jahr festgestellt: Die wirtschaftlichen Kosten für die Einhaltung der Zwei-Grad-Grenze würden bei nur 0,06 Prozentpunkten des erwarteten mittleren jährlichen Konsumwachstums in diesem Jahrhundert liegen, wenn rasch gehandelt würde. Und da sind die Gewinne durch vermiedene Klimaschäden noch gar nicht eingerechnet. In Euro und Dollar kostet der Klimaschutz durchaus große Beträge, keine Frage. Aber, das zeigt die Forschung klar: Auch mit mehr Klimaschutz wächst unsere Wirtschaft, unser Wohlstand weiter. Und dann sogar nachhaltig.

Kann der UN-Gipfel, der an diesem Montag in New York beginnt, die Wende bringen? Ban Ki Moon, der Generalsekretär der Vereinten Nationen, versucht, die Staatenlenker in die Verantwortung zu nehmen. Das ist gut. Auch wir Klimaforscher werden unsere Fakten vorstellen. Aber letztlich haben ähnliche Veranstaltungen bislang nicht zu einem wirklichen Umbruch geführt. Es fehlt offenbar an einer tragfähigen Verantwortungsarchitektur.

Der Staat soll es richten

Die Bürger delegieren die Verantwortung für die Stabilisierung unseres Klimas an die Politiker. Der Staat soll es richten - viele wollen die "Schuld" für die Umweltfolgen ihrer Lebensweise loswerden, ohne dafür höhere Lebenshaltungskosten zu akzeptieren. Dies führt wiederum dazu, dass die Politiker die auf sie übertragene Verantwortung nicht wahrnehmen: Warum sollen sie etwas tun, wenn die anderen Staaten nicht mitziehen? Warum sollen sie sich bei Wählern wie Wirtschaftsvertretern unbeliebt machen? Die Wirtschaftsvertreter wollen, bis auf Ausnahmen, erst recht keine Verantwortung für das Klima übernehmen.

Was kann Deutschland tun, damit die Regierungen beim Klimaschutz besser zusammenarbeiten?

Weltweit fordern die Menschen bei Kundgebungen und Demonstrationen schärfere Klimaziele. Der neue Rekordausstoß von Kohlendioxid im Jahr 2013 bestätigt ihr Bemühen - um den Klimawandel einzudämmen, müssen die Nationen der Welt entschieden näher zusammenrücken. Können die breiten, weltweiten Proteste die Regierungen zum Einlenken bewegen? Diskutieren Sie mit uns. mehr ... Ihr Forum

Dabei gibt es Möglichkeiten. Die amerikanische Spitzenhochschule Harvard hat entschieden, ihr Geld - und das sind viele Milliarden Dollar Stiftungsvermögen - künftig nicht mehr in der fossilen Industrie anzulegen, also in Ölfirmen oder Kohlekonzernen. Die Wissenschaftler wollten sich die übliche Schizophrenie nicht länger leisten, einerseits die Erkenntnisse der Klimaforschung ernst zu nehmen und andererseits Zinsen aus dem schmutzigen Geschäft mit den Brennstoffen einzustecken. Dieser Weg, "Divestment" genannt, steht jedem Bürger offen, der auf ein Bankkonto oder in eine private Altersvorsorge einzahlt, jedem Unternehmen, jeder Institution.

Wenn unser Ausstoß an Treibhausgasen sinken soll statt steigen, müssen alle Verantwortung übernehmen: Konsumenten, Investoren, Wissenschaftler, Entscheider in der Wirtschaft, Politiker. Und zwar unabhängig von der vermeintlichen Bereitschaft der anderen, dasselbe zu tun. Nur so wird aus dem Risiko für unsere Zivilisation eine Chance für den Planeten - und damit für uns alle.