Klimawandel in New York Es rettet sich, wer kann

Manhattan nach dem Hurrikan Sandy im Oktober 2012

(Foto: AFP)

Zehn Monate nach dem Hurrikan Sandy hat New Yorks Bürgermeister ein 20 Milliarden Dollar teures Klimaanpassungsprogramm vorgestellt. Doch wie sinnvoll sind solche Maßnahmen ohne ein globales Klima-Abkommen, und ist der ganze Hochwasser- und Sturmschutz vielleicht sogar schlecht fürs Klima?

Eiin Gastbeitrag von Erich Vogt

Die Botschaft von New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg war unmissverständlich. Die Daten und Analysen der Klimawissenschaftler ließen keinen anderen Schluss zu als diesen: Immer wieder habe es Hitzewellen und Sturmfluten in Amerika gegeben; neu seien allerdings die Intensität und Häufigkeit der Extreme.

Sie könnten nicht mehr mit natürlichen Klimaschwankungen erklärt werden; sie müssten dem von Menschen verursachten Klimawandel zugerechnet werden. Und deshalb werde er dafür sorgen, dass die 19-Millionen-Stadt nicht noch einmal so unvorbereitet in die Klimafalle tappe.

Zehn Monate nach dem Hurrikan Sandy hat Bloomberg also sein 20 Milliarden Dollar teures Klimaanpassungsprogramm vorgestellt. Es konzentriert sich vor allem auf die Verstärkung der Dämme und Deiche, so sollen die fast eine Million New Yorker, die entlang der Küste leben, vor dem steigenden Meeresspiegel und vor Sturmfluten geschützt werden.

Das 250 Punkte umfassende Programm sieht darüber hinaus vor, die Infrastruktur der riesigen Stadt klimawandeltauglich zu machen: Kraftwerke, das Strom- und Telekommunikationsnetz, die Abwasser- und Kläranlagen, das Straßen- und U-Bahnsystem, Brücken, Tunnel, Hospitäler und Schulen, Häuser und Wohnungen.

Das Wetter ist nicht mehr in der Lage, sich selbstregulierend auszupendeln. Während die globale Durchschnittstemperatur seit der Industrialisierung Schritt für Schritt um etwa 0,8 Grad gestiegen ist, sind die Extreme in dramatischem Umfang häufiger und intensiver geworden. Extreme Wetter machten von 1951 bis 1980 zwischen 0,1 und 0,2 Prozent des Wetters insgesamt aus; von 1981 bis 2010 waren es schon zehn Prozent. Sie haben ihren Ausnahmecharakter verloren. Wetterextreme sind die neue Normalität.

Küstenstädte wie New York City, Vancouver, Mumbai, Ho Chi Minh City, Manila und Jakarta haben gar keine andere Wahl, als sich durch Anpassung zu schützen, auch Städte an großen Flüssen. Was sollen sie anderes tun?

Ein bindendes Klimaabkommen gibt es nicht, das den weltweiten Temperaturanstieg beschränken würde. Und die Folgen sind absehbar: Gletscher und Polkappen schmelzen ab, der Meeresspiegel steigt, das Wetter ändert sich, den Stürmen und Überschwemmungen stehen Dürren, Wasser- und Nahrungsmittelknappheit gegenüber. Noch mehr Menschen als heute schon werden ihre Heimat verlieren und als Klimaflüchtlinge zumeist in den großen Städten landen.

Verständlich, dass die Städte angesichts dieser Perspektiven Alarm schlagen - sie wird der Klimawandel hart treffen. Die von Michael Bloomberg geführte Gruppe von 40 großen Städten ist bemüht, Megastädte zu gemeinsamen Klimainitiativen zu bewegen. Und der in Bonn ansässige weltweite Bund von Städten, Gemeinden und Landkreisen (ICLEI), der immerhin mit 1000 Kommunen in allen Größen zusammenarbeitet, will urbane Zentren zu umwelt- und klimafreundlichen Lebensräumen machen. Es sind notwendige erste Schritte.

Bereits heute lebt die Hälfte der Menschheit in Städten. Dort wird der größte Teil des Bruttosozialprodukts produziert, dort gibt es die meisten Sachwerte. Das ist besonders in den stark wachsenden Städten Südostasiens der Fall. In Jakarta beträgt nach Berechnungen der Weltbank der Anteil der zurzeit durch Klimaeinflüsse gefährdeten Sachwerte etwa zehn Milliarden Dollar; 2070 sollen es 321 Milliarden sein - mehr als 30 Mal so viel!

In Bangkok wird der Wert auf das 29-Fache steigen, in Manila auf das 24-Fache. Die Gefahren für Leib und Leben der Bewohner sind da noch gar nicht mitgerechnet. Entsprechend hat die Weltbank ihre Mittel für den Klimaschutz von zehn Milliarden Dollar im Jahr 2011 auf etwa 25 Milliarden 2012 aufgestockt.

Der Raubbau an der Umwelt wird weitergehen

Doch wie sinnvoll ist dies alles ohne ein globales Klima-Abkommen - ist am Ende gar der ganze Hochwasser- und Sturmschutz schlecht fürs Klima? Die Anpassungsprogramme schützen ja nur die Städte - dass das Meer versauert und anderswo das Trinkwasser salzig wird, interessiert hier so wenig wie die Dürre und der Waldbrand in der Provinz.

Sie tragen auch nichts bei zur Durchsetzung des Verursacherprinzips in der Umweltpolitik, im Gegenteil. Es zahlt ja die öffentliche Hand den Wiederaufbau der Häuser, die zu nah am Wasser gebaut waren, der Küstenstraßen, die Sanierung unterspülter Eisenbahntrassen und vollgelaufener U-Bahn-Schächte. Solange das so ist, bleibt das Risiko des Klimawandels für den Einzelnen begrenzt.

Der Raubbau an der Umwelt wird entsprechend weitergehen. Und nach wie vor werden Menschen in Gefahrenzonen bauen und leben - es wird entweder Versicherungen geben, die mögliche Schäden übernehmen, oder der Staat springt ein. Der Klimawandel scheint so für die meisten Menschen überstehbar und beherrschbar zu sein. Die Verantwortung zur Reduzierung des eigenen "carbon footprints" wird da relativ. Warum soll sich der Treibhausgas-Ausstoß verringern, wenn doch nichts passieren kann?

Natürlich kann man die Städte verstehen, die sich dem künftigen Klima anpassen wollen, natürlich wünscht man niemandem, dass irgendeine Flut ihm das Haus wegschwemmt und er dann mittellos dasteht. Doch dies alles verhindert die Grundsatzdiskussion über das, was den Klimawandel befördert. Damit kann die Kohle-, Öl- und Gasindustrie weiterhin das Klimathema als Energie- und Wirtschaftsthema positionieren, nicht als Frage des Lebens und Überlebens auf diesem Planeten.

Über ein Energie- und Wirtschaftsthema kann man diskutieren wie über ein Tempolimit auf Autobahnen, wie über Abtreibung oder die Homo-Ehe - es geht um Meinungen, Werte und Identitäten, um Glaubensfragen, mit religiösen und quasireligiösen Untertönen.

Die Naturgesetze aber gelten weiter, egal, aus welchem Wertesystem heraus wir sie betrachten: Die Erde kann nur begrenzt Treibhausgase aufnehmen und die für Menschen und Ökosysteme notwendigen Ressourcen bereitstellen. Der behutsame Umgang mit diesen Ressourcen ist also unabdingbar - das steht dem auf Produktion, Konsum und Wachstum ausgerichteten kapitalistischen Wirtschaftssystem diametral gegenüber. Gerade dieser Gegensatz macht die nunmehr geplanten Klimaanpassungen vieler Städte so brisant.

Doch sollten alte Dogmen und eingefahrene Lebensweisen den Blick für den dringend notwendigen Wandel in der Klimapolitik verstellen? Das wäre für die Menschheit in der Tat eine Katastrophe.

Der Umwelt- und Entwicklungsexperte Erich Vogt, 63, lehrt Klimawandel an der School of Environment und Munk School of Global Affairs der University of Toronto.