Klimawandel Ein halbes Grad mehr ist ein halbes Grad zu viel

Frauen tragen Wasserkanister in der Mittagshitze in Indien.

(Foto: dpa)

Bei einer Erwärmung um 1,5 Grad würden extreme Hitzewellen auf der Erde zunehmen - allerdings noch im Rahmen natürlicher Schwankungen. Zwei Grad hätten fundamentale Klimaänderungen zur Folge.

Von Michael Bauchmüller und Marlene Weiß

Zumindest das Symbol wird stark sein, diesen Freitag in New York: Vertreter von mehr als 150 Staaten werden am Sitz der Vereinten Nationen ihre Unterschrift unter das Pariser Klimaabkommen setzen. Es ist der erste Tag der einjährigen Unterzeichnungsfrist, und noch nie in der Geschichte der UN haben auf Anhieb so viele Staaten ein Abkommen unterschrieben. Ziel der Veranstaltung sei es, das "globale Rampenlicht auf dem Klimaschutz zu lassen", heißt es bei den Vereinten Nationen.

Nach Auffassung von Umweltschützern ist dieses Licht vielerorts schon wieder erloschen, auch hierzulande. "Europa drückt sich um die Rückschlüsse aus Paris", sagt Martin Kaiser, Klimaexperte bei Greenpeace. "Dabei müsste die EU längst darüber diskutieren, was ein 1,5-Grad-Ziel für ihre Klima- und Energiepläne bedeutet." In Paris hatten die Staaten vereinbart, die Erderwärmung nach Möglichkeit nicht bei zwei, sondern bei 1,5 Grad Celsius zu stabilisieren. Am Donnerstag hatte ein Bündnis von 40 Umwelt- und Entwicklungsgruppen dafür einen "Klimaplan" vorgelegt. Bis 2050 würde Deutschland seine Emissionen damit um 90 Prozent mindern.

Und doch wirkt die Analyse etwas akademisch

Derzeit sieht es indes nicht danach aus, dass solche Pläne umgesetzt werden, weder in Deutschland noch anderswo. Dabei würde es für den Planeten einen großen Unterschied machen, ob die Erwärmung bei 1,5 oder bei zwei Grad haltmacht. Das zeigt eine am Donnerstag veröffentlichte Studie von Forschern um Carl Schleussner vom Beratungsunternehmen Climate Analytics im Fachblatt Earth System Dynamics.

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Demnach würden extreme Hitzewellen bei 1,5 Grad Erwärmung zwar zunehmen, aber die Welt würde nichts erleben, was nicht auch im Rahmen natürlicher Schwankungen vorkäme. Bei zwei Grad dagegen verändere sich das Klima fundamental, besonders in den Tropen: Dort wären dann Extremtemperaturen der neue Normalzustand. Der Meeresspiegel würde in einer Zwei-Grad-Welt demnach bis 2100 im Vergleich zum 1,5-Grad-Szenario um etwa zehn Zentimeter zusätzlich steigen, für viele Inselstaaten ein existenzieller Unterschied.

Nahezu alle Korallenriffe würden bei zwei Grad Erwärmung erheblich geschädigt; bliebe es bei 1,5 Grad, wäre das bis 2100 nur für 70 Prozent der Fall. Auch das verfügbare Wasser im Mittelmeerraum würde demnach bei zwei Grad Temperaturanstieg um 17 Prozent zurückgehen, fast doppelt so stark wie bei 1,5 Grad.

Und doch wirkt die Analyse etwas akademisch, denn die bisherigen Zusagen der Staaten reichen nicht einmal aus, um die Erwärmung bei zwei Grad zu stoppen. Das Paris-Abkommen könnte nun zumindest helfen, hierbei nachzubessern. Damit es in Kraft tritt, müssen es nach der Unterzeichnung noch mindestens 55 Prozent der Staaten ratifizieren, auf die zugleich 55 Prozent der Emissionen entfallen. Seit die USA und China zugesagt haben, rasch zu ratifizieren, gilt das aber als reine Formsache.

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