Indem wir uns permanent darum sorgen, wie wir die Wirtschaft in Gang halten, erkennen wir nicht, dass dies grundsätzlich zerstörerisch ist. Die Natur stellt uns zahlreiche Dienstleistungen zur Verfügung, die den Planeten in einem bewohnbaren Zustand halten: die Photosynthese, die Umwandlung von Sonnenlicht in chemische Energie, die Freisetzung von Sauerstoff, die Bestäubung von Pflanzen.

David Suzuki, dpa

David Suzuki, 73, Genetiker, Buchautor, TV-Moderator und Kanadas berühmtester Umweltaktivist, erhält an diesem Freitag in Stockholm den Alternativen Nobelpreis. (© Foto: dpa)

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Diese Dienstleistungen werden von konventionellen Ökonomen ignoriert. Dabei könnte keine von Menschen gemachte Technologie jemals die Bestäubung übernehmen.

Unsere Welt ist die Biosphäre, jene Zone aus Luft, Wasser und Land, in der alles Leben existiert. Carl Sagan, der berühmte Astrophysiker, hat folgenden Vergleich gezogen: Hätte die Erde die Größe eines Basketballs, wäre die Biosphäre dünner als die darauf gemalte Schicht Farbe. Mehr nicht. Darauf beruht alles Leben. Nichts innerhalb dieser Schicht kann nach endlosem Wachstum streben.

Aber nicht nur, dass Ökonomen glauben, die Wirtschaft könne unbegrenzt wachsen (was sie nicht kann), sie sagen auch, dass sie immer weiter wachsen muss. Wachstum ist der Gradmesser von Erfolg geworden. Fragen Sie einen Firmenvorstand oder einen Politiker nach seinem Erfolg - und er wird unvermeidlich vom Wachsen oder Sinken von Marktanteilen, Gewinnen oder Bruttoinlandsprodukt sprechen.

Wieviel ist genug?

Aber Wachstum ist definitiv kein Zweck oder Ziel. Angeblich soll das Bruttoinlandsprodukt den Zustand der Wirtschaft anzeigen, aber seit Wachstum realiter unser Ziel geworden ist, wird dort alles hineinaddiert, was irgendwie zum Austausch von Geld, Gütern und Dienstleistungen beiträgt.

Auf diese Weise haben die Kosten der Bewältigung des Hurrikans Katrina Milliarden zum US-Bruttoinlandsprodukt beigetragen! Jedesmal, wenn einer bei einem Autounfall stirbt, steigt dadurch das Bruttoinlandsprodukt - wir müssen schließlich für Polizei, Ambulanz, Krankenhaus, Medikamente, Anwälte, Bestatter, Särge, Blumen bezahlen... Ist es nicht verrückt, Fortschritt so zu messen?

In unserer Wachstums-Besessenheit stellen wir die wichtigen Fragen gar nicht mehr: Wofür ist Wirtschaft denn da? Sind wir mit all diesem Zeug eigentlich glücklicher oder besser dran? Wie viel ist genug?

Bei der Menschheit handelt es sich erdgeschichtlich um eine sehr junge Spezies. Gemessen an Zahl, Wohlstand und Komfort sind wir erstaunlich erfolgreich. Aber wir benehmen uns wie altkluge Halbwüchsige, beeilen uns, unsere schönen Werkzeuge zur Unterdrückung der Natur zu benutzen, ohne groß nachzudenken, wie die Welt eigentlich funktioniert.

Wir erzeugen die Illusion, die Natur zur Unterwerfung zwingen zu können. Aber unsere Ignoranz hält uns davon ab, die Konsequenzen dessen zu vergegenwärtigen. Wir wissen nicht, wie man ein außer Kontrolle geratenes Ökosystem managt. Das einzige, was wir managen können, sind wir selbst.

Und nun müssen wir, zum ersten Mal überhaupt, unsere Einzel-Interessen überwinden, uns als eine Spezies versammeln, unseren Angriff auf die Biosphäre beenden und hoffen, dass die Natur noch Überraschungen bereit hält - sowie eine Großzügigkeit, die wir nicht verdienen.

Übersetzung: Detlef Esslinger

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  1. Die Grenzen des Menschen
  2. Sie lesen jetzt Die Dienstleistungen der Natur
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(SZ vom 04.12.2009/gal)