Klimawandel Alle Vögel sind noch da

Wegen der milderen Winter gibt es für Stare, Kraniche und andere Zugvögel immer weniger Anlass, in weit entfernte Quartiere zu fliegen.

Von Robert Lücke

Sie sammeln sich im Frühherbst. Die Schwalben drängeln sich in Schwärmen, während Kraniche in Keilformation über die Städte Mitteleuropas ziehen. All das sind deutliche Zeichen am Himmel: Der Sommer ist endgültig vorbei, die Herbst- und Wintermonate beginnen.

Doch auf den Vogelzug nach Süden ist offenbar kein Verlass mehr. Die Zahl der Arten und Individuen, die aus gemäßigten Breiten in den Süden fliegen, nimmt ab - insbesondere bei den Kurz- und Mittelstreckenziehern. Immer mehr Vögel bleiben den Winter über in ihrem Brutgebiet oder fliegen deutlich kürzere Strecken als noch vor einigen Jahrzehnten oder Jahren.

"Wenn es mit der Klimaveränderung so weitergeht, wird es in 100 Jahren möglicherweise keine Zugvögel in Europa mehr geben", sagt Peter Berthold von der Vogelwarte Radolfzell.

Viele Vogelarten verfügen über einen genetisch festgelegten Zugtrieb. "Wenn sie so ein Tier zur Zugzeit in einen Käfig sperren, merken sie ihm große Unruhe an", sagt Berthold, der sich am Max-Planck-Institut für Ornithologie seit Jahrzehnten mit der Zugvogelforschung befasst.

Vor allem jene Vögel, die im Winter in ihren Brutgebieten keine Nahrung mehr finden, können gar nicht anders als in den Süden aufzubrechen. Kleine Insektenfresser wie Rotschwänzchen, Trauerschnäpper, alle Schwalbenarten und Mauersegler verschwinden zwischen August und Oktober aus Mitteleuropa. Ihnen folgen Watvögel wie Wasserläufer und Regenpfeifer, die im Schlamm nach Futter picken oder Fischadler, die offene, eisfreie Gewässer zum Fischfang brauchen.

Dass die Tiere zu Zeiten losfliegen, in denen ihre Nahrung noch in Hülle und Fülle vorhanden ist, hat mehrere Gründe: Die Reise zu ihren teils Tausende Kilometer entfernten Überwinterungsplätzen dauert oft Monate. Viele sind Langstreckenzieher, die über den Mittelmeerraum hinaus die Sahara überqueren und bis zum Äquator oder noch weiter südlich fliegen. Dabei legen sie Entfernungen von bis zu 10.000 Kilometern zurück.

Das dauert, daher der frühe Aufbruch. Die meisten von ihnen kehren frühestens Ende März, manche auch erst im Mai zurück. Sommervögel nennen Biologen diese Tiere. Ihr eigentlicher Lebensraum ist in Afrika, nur ihr Brutgebiet liegt in nördlichen und gemäßigten Zonen.

Niedersachsen statt Spanien

Dort hat sich in den vergangenen 50 Jahren viel verändert. Um 0,9 Grad stieg die Temperatur in Deutschland im 20.Jahrhundert durchschnittlich an. Die Klimazonen haben sich um bis zu 100 Kilometer nach Norden verschoben. Der Frühling beginnt heute teilweise sieben Tage eher als noch vor 20 Jahren, der Winter später oder gar nicht - Perioden mit wochenlangem Dauerfrost oder geschlossener Schneedecke unterhalb höherer Lagen gibt es immer seltener.

Deswegen können viele Vögel hierbleiben. Sie finden nun auch im Brutgebiet noch genug Nahrung und sparen sich deswegen den kräftezehrenden Weg in den Süden. So überwintern immer mehr Kraniche in Niedersachsen oder Frankreich, statt in den Südwesten Spaniens zu ziehen. Fischadler, die den Winter früher im Senegal verbrachten, bleiben jetzt in Südfrankreich und Spanien.

Schwarzstörche überqueren nicht mehr die Sahara, sondern bleiben in Portugal. Weißstörche bevorzugen Spanien gegenüber Südafrika. In Spanien beobachten Ornithologen seit etwa zehn Jahren, dass Rötelfalken, die früher im Winter in die Sahel-Zone flogen, nun in zunehmender Zahl im Südwesten des Landes überwintern, ebenso Mauersegler, einige Schwalbenarten und Schwarzmilane. Einst waren sie alle auf Langstrecken unterwegs.

Noch deutlicher werden die Verhaltensänderungen bei den Kurz- und Mittelstreckenziehern, die von ihren Brutgebieten in Mittel- und Nordeuropa früher meist mindestens bis ans Mittelmeer flogen. Die Mönchsgrasmücke, ein etwa sperlingsgroßer Singvogel, überwinterte traditionell in Spanien. Nun bleibt sie in Südengland oder Westfrankreich. Nicht selten ist sie sogar im Dezember und im Januar in Deutschland zu sehen. In umfangreichen Studien wies Berthold nach, dass dieses Verhalten innerhalb von kurzen Zeiträumen eintrat. 1961 wurde die erste Grasmücke im Winter in Irland gesichtet, heute sind es in jedem Herbst und Winter Zehntausende.

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