Der neue Musterknabe
(SZ vom 25.06.2001) - Zwei Riesen sind Hauptdarsteller im Klima-Thriller: Amerika, größte Industrienation der Welt, stößt die meisten Treibhausgase aus; China, bevölkerungsreichstes Land, folgt auf Platz zwei. Und eigentlich hatten alle vorhergesagt, dass China die USA in wenigen Jahren überholen würde.
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Neu verteilte Rollen
Mit einem Male aber scheint diese Prophezeiung verfrüht. Die Rollen werden neu verteilt, und das kann George W. Bush nicht gefallen: Denn während die USA den Buhmann geben, findet sich China plötzlich in der Rolle des Musterknaben. Die Chinesen nämlich haben ihren Ausstoß von Treibhausgasen, von CO2 vor allem, in den letzten Jahren dramatisch gesenkt - trotz rapiden Wirtschaftswachstums, und obwohl China von den Verpflichtungen des Kyoto-Abkommens ausgenommen ist.
Das hat China erreicht: Seit Mitte der Neunziger ist dem amerikanischen "Lawrence Berkeley National Laboratory" zufolge der Ausstoß von CO2 um 17 Prozent gesunken. Erstaunlicherweise wuchs in der gleichen Zeit das Bruttosozialprodukt des Landes um 36 Prozent.
Klimaschädliche Einflüsse erfolgreich vom Wirtschaftswachstum abgekoppelt
Der Anteil von - in China besonders schmutziger - Kohle an der Energieerzeugung ist chinesischen Angaben zufolge im letzten Jahrzehnt um zehn Prozent gefallen, auf heute etwa 69 Prozent. Die Menge an Energie, die China zur Produktion einer Bruttosozialprodukt-Einheit benötigt, hat sich, so die Volkszeitung, im selben Zeitraum halbiert.
Das Land sei anscheinend äußerst erfolgreich dabei, klimaschädliche Einflüsse vom Wirtschaftswachstum abzukoppeln, lobte im April der schwedische Umweltminister Kjell Larsson bei einem Peking-Besuch.
Natürlich hatten die Chinesen bei dem wundersamen Wandel nicht unbedingt das Weltklima im Blick. Und außerdem: Die rapide Verbesserung war nur möglich wegen der in China so düsteren Ausgangssituation. So schön sich eine Verdopplung der Energie-Effizienz anhören mag: In die Herstellung einer Tonne Stahl steckt China auch heute noch dreimal so viel Energie wie Japan.
Umweltpolitik wegen Olympia
Oder das Beispiel Peking: Vor allem der Olympia-Bewerbung wegen wird die Hauptstadt seit ein paar Jahren zum Schaufenster chinesischer Umweltpolitik gemacht. Kohleöfen werden in Gasöfen verwandelt, Hotels heizen mit Erdwärme und schon die Hälfte aller Busse und Taxis haben mittlerweile Erdgas im Tank. Und trotzdem müsste sich noch immer mit Selbstverstümmelungs-Absichten tragen, wem in dieser smoggeplagten Stadt einfiele, Sport an der freien Luft (Luft?) zu machen.
Der Umwelt geholfen hat aber der Bankrott vieler maroder Staatsbetriebe in der Schwerindustrie ebenso wie die schrittweise Einführung marktnaher Energiepreise. Das Washingtoner World Resources Institute (WRI) hat errechnet, dass China ohne diese Anstrengungen pro Jahr 400 Millionen Tonnen CO2 mehr in den Himmel blasen würde - so viel wie Korea, Indonesien, Thailand, Singapur, die Philippinen und Vietnam zusammen. Ein Volk von 1,3 Milliarden Menschen hat eben Gewicht auf diesem Planeten.
Gegen verbindliche Reduktionsziele für die Entwicklungsländer
Trotz seiner Erfolge ist Peking strikt dagegen, dass den Entwicklungsländern verbindliche Reduktionsziele auferlegt werden. Das wäre grob unfair, argumentiert China: Erstens seien die Jahrzehnte ungebremst wachsenden Industrieländer verantwortlich für den Großteil der Treibhausgase und zweitens seien sie reich genug, um mit dem Saubermachen anzufangen. Die Zahlen sprechen für sie: Ein Amerikaner produziert laut WRI im Moment siebeneinhalb Mal so viel CO2 wie ein Chinese.
George W. Bush bediente sich zur Begründung seiner Ablehnung des Kyoto- Abkommens ausgerechnet des Gespenstes eines in schwarzen Rauchwolken aufgehenden China. Vielleicht hat er vor zwei Wochen die New York Times gelesen; die Zeitung zitierte zustimmend eine amerikanische Umweltschutzorganisation mit den Worten: "Man kann mit gutem Recht sagen, dass China im vergangenen Jahrzehnt mehr getan hat im Kampf gegen den Klimawandel als die USA."
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