Klimaschutz Hier sind Drachen

Es ist eine eiserne Wahrheit der Klimaforscher: Gefährliche Erderwärmung beginnt bei einem Temperaturanstieg von zwei Grad. Auch auf der Klimakonferenz in Lima dreht sich alles um diese magische Grenze. Doch wieso gerade dieser Wert? Die scheinbare Präzision ist jedenfalls eine Illusion.

Von Christopher Schrader

Die bekannteste Zahl des Klimawandels hat es nicht leicht. Sie muss sich als mutloser Minimalkonsens schmähen und als unerreichbare Utopie verhöhnen lassen. Mit "noch" oder "nicht mehr" versehen, wird sie vereinnahmt, um politische Absichten zu verkünden oder zu verbrämen, um zu entschlossenem Handeln zu animieren oder Fatalismus zu transportieren. Sie wird als "Ziel" oder genauer als "Grenze" gepriesen, dabei dürfte sie, wenn sich nicht viel ändert, zur überfahrenen Wegmarke werden.

Die Zwei mit dem kleinen Kringel, sie ist zur Chiffre geworden für das Gezerre um den Klimaschutz. Perfekt verkörpert sie seine charakteristische Melange aus Wissenschaft und Politik. Und sie ist praktisch der einzige Erfolg von 19 Klimagipfeln - der 20. geht in der peruanischen Hauptstadt Lima gerade in die entscheidende Phase. Vor vier Jahren, im mexikanischen Cancún, haben sich die Staaten der Welt verpflichtet, die Erwärmung des Planeten auf zwei Grad Celsius gegenüber der Zeit vor der industriellen Revolution zu begrenzen. Sie füllten damit eine Leerstelle der Konvention von Rio de Janeiro: Damals, im Jahr 1992, hatten 194 Nationen unterschrieben, gefährliche Eingriffe der Menschheit in das Klimasystem zu verhindern. In Cancún stellten sie klar: Gefährlicher Klimawandel beginnt bei zwei Grad.

Die mathematische Präzision der Zahl ist Illusion. Der Wert wurde politisch festgelegt

Die mathematische Präzision, die ein solcher Zahlenwert ausstrahlt, ist in diesem Fall jedoch reine Illusion. Die Festlegung war politisch motiviert, die Staaten wollten sich Handlungsspielraum verschaffen. Die eingetretene Erwärmung, meldete die Meteorologische Weltorganisation nach Cancún, betrug 0,8 Grad Celsius,mehr als die Hälfte der 1,5 Grad, die eine große Anzahl von Staaten als maximal zu erlaubende Erwärmung favorisierte. So einigte man sich auf zwei Grad als politischen - viele sagen: faulen - Kompromiss. Doch die Zahl hat auch eine Basis in der Wissenschaft. Sie ist sozusagen der Punkt auf der Temperatur-Skala, an dem die Mitglieder des Weltklimarats IPCC sagen: Hic sunt dracones. So wurden auf alten Seekarten Gebiete gekennzeichnet, wo abergläubische Seeleute Drachen vermuteten, wo Untiefen und Riffe, gefährliche Strömungen und unkalkulierbare Winde ihre Schiffe bedrohten. Eine deutliche Zunahme ähnlich unbeherrschbarer, schwerer Risiken erwarten auch die Klimaforscher der zuständigen IPCC-Arbeitsgruppe II jenseits der Erwärmung von zwei Grad. "Die Zwei-Grad-Grenze ist im Augenblick die beste Schätzung, wo die Linie gezogen werden sollte", sagt Chris Field von der kalifornischen Carnegie Institution, Ko-Vorsitzender der Arbeitsgruppe.

Das zentrale Diagramm, um die Bedrohung zu veranschaulichen, ist 15 Jahre alt. "Die Grafik hat viel zum Verständnis der teils abstrakten Problematik Klimawandel beigetragen", sagte schon vor fünf Jahren Hans Joachim Schellnhuber, oberster Klimaberater der deutschen Regierung. "Burning Embers" wird das Diagramm genannt (nach dem englischen "embers" - glühende Kohlen). Es hat seinen Namen von der Farbskala der fünf gezeigten Balken, die von weiß über gelb und orange bis rot und neuerdings sogar bis violett reicht (siehe Grafik). Die Farbgebung soll die wachsende Gefahr verdeutlichen. Denn die fünf Balken stehen, als eine Art Essenz des dicken Berichts der Arbeitsgruppe II, für Risiken des Klimawandels, die mit zunehmender Erwärmung größer werden. Offiziell heißen sie "reasons for concern" oder auf Deutsch "Klimasorgen".

Der erste Balken fasst die Risiken für "einzigartige und bedrohte Systeme" zusammen: Das können einzelne Tierarten wie der Eisbär sein, ganze Ökosysteme wie die Korallenriffe oder Kulturen wie die Fischervölker der flachen, vom Meeresspiegelanstieg bedrohten Archipele der Südsee. Ein weiterer Balken steht für Einzelereignisse von großer Tragweite. "Es geht um Phänomene, die unser Verständnis von der Welt grundlegend verändern können", sagt Chris Field, etwa der Verlust des Amazonas-Regenwaldes - oder des Eisschilds auf Grönland. Die Klimaforscher des IPCC haben im jüngsten Bericht sogar die Schwelle gesenkt, ab der die Gletscher der großen Insel unwiderruflich schmelzen könnten. Das würde zwar Jahrhunderte dauern, aber den Meeresspiegel um sieben Meter anheben. Klimaforscher halten es nun für möglich, dass dieser Prozess bei einer Erwärmung von zwei Grad ausgelöst wird und dann nicht mehr zu stoppen ist.

Ein dritter Balken zeigt die Risiken durch die Zunahme und Intensivierung extremer Wetterereignisse. Diese treffen vor allem ärmere Staaten, wie der soeben in Lima veröffentlichte Klimarisiko-Index der Umweltgruppe Germanwatch zeigt. Demnach hatten die Philippinen, Kambodscha und Indien im Jahr 2013 die meisten Todesopfer und die größten Schäden durch Stürme und Überschwemmungen zu verkraften. Die Philippinen verdanken ihren Spitzenplatz einem der stärksten jemals beobachteten Taifune: Haiyan, der am 8. November 2013 die Hafenstadt Tacloban verwüstete.

Auch die beiden letzten Balken beschäftigen sich vornehmlich mit den Risiken für arme Länder, die wenige Ressourcen haben, um die Folgen des Klimawandels zu bewältigen, ihnen aber gleichzeitig oft am stärksten ausgesetzt sind. Einer der Balken illustriert die ungleiche Verteilung der Gefahren: Während in manchen Gebieten des Nordens die Erwärmung wirtschaftlichen Fortschritt erlaubt, zum Beispiel Weinbau in Norddeutschland, verlieren Menschen im Süden ihre Existenz. Der andere Balken beschreibt die Risiken, die der ganzen Welt drohen, wenn etwa die Nahrungsmittelversorgung oder der globale Handel in die Krise geraten. Diese Risiken haben die Klimaforscher im Lauf der Jahre als immer bedrohlicher eingeschätzt, wie ein Vergleich der "Burning Embers" aus den vergangenen drei IPCC-Berichten zeigt. Wobei das Diagramm 2007 nicht im offiziellen Report erschien, es wurde erst später aus den veröffentlichten Texten erstellt. Die dunkleren Farben in den Balken wandern immer weiter zum Nullpunkt, das heißt, die Risiken beginnen bei immer geringeren Temperaturen.