Erderwärmung Klein-Klein beim Klimaschutz

Wäsche auf der Leine, darunter ein Huhn.

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

Was kann jeder Einzelne tun, um die Erderwärmung zu begrenzen? Die meisten Empfehlungen beschränken sich auf Maßnahmen, die nur wenig bringen. Echte Einschnitte zu fordern, traut sich fast niemand.

Von Benjamin von Brackel

Vor einigen Jahren stand der Mathe- und Naturwissenschaftslehrer Seth Wynes vor seiner Highschool-Klasse im kanadischen Ontario, und seine Schüler fragten ihn, was sie tun könnten, um das Klima zu schützen. Sie blätterten durch die Schulbücher, fanden aber vor allem Empfehlungen, die sich auf Kleinigkeiten beschränkten. Müll recyceln oder kürzer duschen zum Beispiel. Dinge, die einen echten Unterschied machen, wie aufs Auto zu verzichten oder weniger zu fliegen, wurden hingegen nicht erwähnt. "Wir fanden, die Lösungen in den Schulbüchern schienen wie losgelöst vom Ausmaß des Problems", sagt Wynes.

Nun hat sich Wynes, inzwischen an der Universität Lund in Schweden, der Frage seiner Schüler von einst wieder angenommen. Und überprüfte mit seiner Kollegin Kimberly Nicholas zehn kanadische Schulbücher aus sieben Provinzen. Die mehr als 200 Empfehlungen, welche die Wissenschaftler in den Büchern fanden, hatten wieder nur "moderate oder wenig Auswirkungen", heißt es in ihrer Studie, die kürzlich im Fachblatt Environmental Research Letters erschien.

Wer aufs Auto verzichtet, keine Fernreisen macht und kein Fleisch isst, bewirkt wirklich etwas

Seth Wynes und Kimberly Nicholas werteten nun auch Schulbücher und Regierungspapiere aus Australien, den USA und Europa aus - und wieder zeigte sich die Schieflage zwischen Empfehlung und Wirkung. Deutschland ist da keine Ausnahme: Auf ihrer Internetseite rät die Bundesregierung, die Raumtemperatur um ein Grad Celsius zu senken, auf die Stand-by-Funktionen von Elektrogeräten zu verzichten und Energiesparlampen zu verwenden. Wer nicht auf sein Auto verzichten möchte, sollte wenigstens "kurze Strecken" zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückgelegen und "möglichst defensiv" Auto fahren.

Populismus der Verharmlosung

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Das sind jedoch alles sehr bescheidene Maßnahmen. Auf Grundlage diverser wissenschaftlicher Szenarien erstellten Wynes und Nicholas eine Rangliste, wie jeder Einzelne in einem Industrieland am besten das Klima schützen kann. Am meisten würde es demnach helfen, ein Kind weniger zu bekommen - ein sehr umstrittener Ratschlag. Danach folgen: aufs Auto verzichten, weniger fliegen, kein Fleisch essen.

Autos und Flugzeuge schlucken viel Treibstoff, Rinder produzieren Methan und Lachgas, für den Anbau von Futtermitteln müssen oft Regenwälder weichen. Wer regelmäßig Fleisch isst und einen Transatlantikflug pro Jahr unternimmt, stößt schon allein damit 2,4 Tonnen Kohlendioxid aus - eigentlich sollten es schon 2050 nur noch rund zwei Tonnen pro Erdenbürger sein, wenn die Erwärmung auf weniger als zwei Grad begrenzt werden soll. Doch nur zwei der zehn kanadischen Schulbücher rieten, weniger zu fliegen. Selten erwähnt wurde auch die Möglichkeit, aufs Auto zu verzichten oder sich vegetarisch oder gar vegan zu ernähren. Von weniger Kindern war schon gar nicht die Rede.

Jugendliche, schreiben die Forscher in der Studie, "sollten über die Umweltfolgen der Familiengröße informiert werden, schließlich werden sie wahrscheinlich sexuell aktiv". Aber sind Eltern wirklich verantwortlich für die CO₂-Emissionen ihrer Kinder? Es stimmt zwar: Immer mehr Menschen strapazieren die Belastungsgrenzen der Erde - ein Europäer oder US-Amerikaner deutlich mehr als ein Afrikaner oder Südamerikaner. Aber die wohlhabenden Industrieländer schrumpfen ohnehin. Nirgendwo auf der Welt sind die Geburtenraten so niedrig wie in Europa. Auch dürften den Rat, weniger Kinder zu bekommen, wenn überhaupt dann höchstens diejenigen in die Tat umsetzen, denen Klimaschutz tatsächlich ein wichtiges Anliegen ist. Das könnte zur Folge haben, dass noch weniger Kinder zu mündigen Klimaschützern erzogen würden.