Von Markus C. Schulte von Drach

Hamburger Wissenschaftler zeigen, wie und wo sich das Klima in Deutschland bis 2100 ändern wird: Der Süden muss mit Regen statt Schnee rechnen. Dafür wird es an den Küsten sonnig.

Das Klima in Deutschland wird sich deutlich ändern. Und auch wenn bis 2100 noch keine Bedingungen wie am Mittelmeer herrschen werden, so müssen sich die Deutschen auf etliche Veränderungen einstellen.

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Darauf deutet zumindest die jetzt veröffentlichte Prognose des Max-Planck-Instituts für Meteorologie (MPI-M) in Hamburg, das für die Bundesregierung die genaueste Klimastudie erstellt hat, die bislang existiert.

Ausgehend von einer nur allmählichen Abnahme der Treibhausgasemissionen von Autos, Kraftwerken und Industrieanlagen hat das Wissenschaftler-Team um Daniela Jacob drei Modelle berechnet, die die Temperaturen, Niederschläge und andere Klimafaktoren bis 2100 vorhersagen. Und zwar mit einer deutlich höheren räumlichen Auflösung als die Modelle des Weltklimarates IPCC. Die Forscher betrachten ihre Arbeit selbst als "wesentlichen Meilenstein in der Klimaforschung und im Bereich der Klimafolgeforschung".

Ihren Berechnungen zufolge wird die Jahresmitteltemperatur in Deutschland bis 2100 im Vergleich zu den vergangenen Jahrzehnten um 2,5 bis 3,5 Grad Celsius ansteigen - wobei der höhere Wert offenbar wahrscheinlicher ist.

Besonders stark wird die höhere Temperatur in den Wintermonaten zu spüren sein. Hier rechnen die Forscher mit einer möglichen Zunahme von bis zu mehr als vier Grad. Und bereits bis zur Mitte des Jahrhunderts dürfte es in den Alpen um etwa zwei Grad wärmer sein als in den vergangenen Jahrzehnten.

Auch im Sommer und Herbst rechnen die Wissenschaftler - je nach Modell - mit einer deutlichen Erwärmung. Gerade im Sommer ist eine Temperaturzunahme im Süden Deutschlands von mehr als vier Grad möglich, während die Veränderungen im Frühjahr nicht ganz so stark sein werden.

Nicht mehr Niederschläge, aber anders verteilt

Verändern wird sich auch die Verteilung der Niederschläge. Zwar wird die Menge insgesamt, die im Jahr zusammenkommt, etwa konstant bleiben. Doch je nach Saison und Region ist mit deutlichen Veränderungen zu rechnen. So haben die Wissenschaftler festgestellt, dass die Niederschläge im Frühjahr und Herbst um zehn Prozent und im Winter sogar um 20 Prozent steigen könnten. Von der Zunahme im Herbst wären insbesondere die Mittelgebirge und Teile Norddeutschlands betroffen, die winterlichen Veränderungen sollen sich insbesondere in Höhenlagen und an den Küsten zeigen. Mehr Regen würde im Frühjahr vor allem in Bayern fallen.

Im Sommer dagegen lautet die Prognose: 20 Prozent und mancherorts sogar 40 Prozent weniger. Weniger Regen würde demnach insbesondere in Bayern und Baden-Württemberg fallen.

Aufgrund der höheren Temperaturen im Winter wird allerdings nicht mehr Schnee fallen - im Gegenteil. Und die Schneedecke wird in den Frühjahrsmonaten auch noch schneller abschmelzen. Das bedeutet, Wintersportler müssen mit einer erheblich verringerten mittleren Schneehöhe und weniger Schneetagen rechnen.

Die meisten Skigebiete in Deutschland dürften in Zukunft darauf angewiesen sein, Schneekanonen einzusetzen. Denn: "Fiel in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dort im Jahr etwa ein Drittel des Gesamtniederschlags als Schnee, könnte es bis Ende des 21. Jahrhunderts nur noch ein Sechstel sein."

Gerade für "niedrige Regionen der Alpen wie um Garmisch-Partenkirchen und Mittenwald" sei eine "Abnahme der Schneetage um deutlich mehr als die Hälfte möglich". Und in den höheren Regionen wie um Zermatt und St. Moritz befürchten die Wissenschaftler eine Verringerung um immerhin etwa ein Drittel. "Bis zum Ende des 21. Jahrhunderts könnten die schneebedeckten Flächen im Alpenraum sehr stark schrumpfen, wenn die Erwärmung stark (> 4 °C) zu nimmt."

Positive und negative Folgen

Treffen die Prognosen zu - wofür es wie bei allen Klimamodellen keine Garantie gibt - hätte dies vermutlich eine Reihe von Konsequenzen für die Landwirtschaft, die Tourismusbranche, aber auch für das Gesundheitssystem und die Energieerzeuger.

So können die Bauern vermutlich auf mehr Ernten und höhere Erträge hoffen, die vor allem auch mit Hilfe neuer Getreidesorten erzielt werden könnten. Weinanbau wird auch weiter im Norden möglich. Und vermutlich wird es in Zukunft mehr Touristen nach Norddeutschland - etwa an die Küsten, an denen es im Sommer deutlich weniger regnen wird - ziehen. Profitieren dürfte von der Entwicklung auch die Solarenergie-Branche.

Unklar ist allerdings, wie die Natur auf die Veränderungen reagieren wird. Bereits jetzt breiten sich Tiere und Pflanzen nach Deutschland aus, die eigentlich in wärmeren Gebieten zu Hause sind. Auch die Folgen für die einheimischen Wälder sind offen.

Gefahr droht auch durch sinkende Grundwasserspiegel, Waldbrände oder Hochwasser. Und die zunehmende Zahl besonders heißer Tage und Nächte wird zu einer wachsenden Zahl von Hitzetoten führen.

"Diese schnellen und tiefgreifenden Veränderungen des Klimas in Deutschland können gravierende Folgen für die Menschen und die Umwelt haben", so das Fazit der Forscher. Allerdings sind "die Schadenspotentiale extremer Wetterereignisse wie Hitzewellen, Starkniederschläge und Stürme oftmals noch wesentlich größer als jene der schleichenden Klimaänderungen."

Deswegen arbeiten die Forscher zurzeit an noch detaillierteren Analysen der Klimaszenarien, mit deren Hilfe sie Aussagen zur Häufigkeit und Stärke künftiger Extremereignisse machen wollen.

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(sueddeutsche.de/gf)