Klimakonferenz in Kopenhagen Die Menschheit vor dem Ernstfall

Jede zweite Spezies könnte aussterben, Millionen Menschen heimatlos werden, Nationen im Meer versinken. Wenn Kopenhagen scheitert, droht Horror. Ein Appell von 56 Zeitungen aus 44 Ländern - aus gegebenem Anlass.

Angesichts des drohenden Scheiterns des Klimagipfels, der an diesem Montag in Kopenhagen beginnt, haben sich 56 Zeitungen aus 44 Ländern, darunter die Süddeutsche Zeitung, zu einem ungewöhnlichen Schritt entschlossen: In einem gemeinsamen Editorial rufen sie die Regierungen zum Handeln auf.

Die Menschheit steht vor dem Ernstfall. Der Klimawandel wird unseren Planeten und damit auch Wohlstand und Sicherheit zerstören, falls wir uns nicht auf ein gemeinsames Vorgehen einigen. Die Gefahren sind seit einer Generation offensichtlich, inzwischen sprechen die Fakten für sich: Von den vergangenen 14 Jahren waren elf die wärmsten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen; das Eis der Arktis schmilzt; die 2008 explodierten Preise für Öl und Lebensmittel geben einen Vorgeschmack dessen, was uns erwartet.

In Fachzeitschriften diskutieren Experten nicht länger die Frage, ob Menschen die Erderwärmung verursachen, sondern wie wenig Zeit bleibt um entgegenzusteuern. Doch die Antwort auf die Bedrohung ist schwach und halbherzig.

Der Klimawandel betrifft alle

Der Klimawandel ist über Jahrhunderte hinweg verursacht worden, seine Folgen werden weitere Jahrhunderte andauern. Lässt er sich zähmen? Das wird sich in den kommenden zwei Wochen entscheiden. Wir appellieren an die Vertreter der 192 Staaten in Kopenhagen, nicht zu zögern, nicht im Streit auseinanderzugehen und sich nicht gegenseitig die Schuld zuzuschieben, sondern die Gelegenheit zu nutzen. Die Verhandlungen dürfen nicht zum Zwist zwischen den reichen und den armen Ländern geraten oder zwischen Ost und West. Der Klimawandel betrifft alle, die Strategien dagegen müssen von allen getragen werden.

Die Wissenschaft ist komplex, aber klar. Die Welt muss die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius begrenzen - was bedeutet, dass der Ausstoß an CO2, der in fünf bis zehn Jahren seinen Höhepunkt erreicht haben wird, danach sinken muss. Schon bei einem Temperaturplus von drei bis vier Grad - mindestens so viel wärmer wird es, wenn nichts passiert - würden Kontinente ausdörren und fruchtbares Land in Wüsten verwandelt. Jede zweite Spezies würde aussterben, Millionen Menschen würden heimatlos, ganze Nationen versänken im Meer.

"Keine Zeit für ein Rückspiel"

Wenige glauben, dass in Kopenhagen ein fertiger Vertrag gegen den Klimawandel geschrieben wird; schließlich gibt es berechtigte Hoffnung darauf erst seitdem Präsident Barack Obama ins Weiße Haus eingezogen ist und die jahrelange Blockadepolitik der USA beendet hat. Die Welt aber ist weiterhin auf die Gnade der amerikanischen Innenpolitik angewiesen, weil der Präsident nicht handeln kann, solange der Kongress nicht zustimmt.

Doch die Politiker in Kopenhagen können und müssen sich auf die wesentlichen Bestandteile eines fairen und erfolgreichen Deals einigen und, ebenso wichtig, auf einen Zeitplan, um daraus einen verbindlichen Vertrag zu schmieden. Das sollte spätestens bis zum Klimatreffen der Vereinten Nationen 2010 in Bonn geschehen. Ein Unterhändler hat gesagt: "Wir können den Zeitplan etwas strecken, aber wir haben keine Zeit für ein Rückspiel."

Im Zentrum des Vertrags muss ein Abkommen zwischen den reichen Nationen und den Entwicklungsländern stehen, wie die Lasten des Kampfes gegen den Klimawandel verteilt sein werden - und wie eine wertvolle Ressource verwendet wird: jene Billionen Tonnen CO2, die wir noch produzieren können, bevor die Quecksilbersäule auf bedrohliche Werte steigt.

Reiche Nationen betonen gerne, dass es keine Lösung geben kann, ohne dass Entwicklungsgiganten wie China radikalere Schritte unternehmen. Doch sie sind verantwortlich für den Großteil des CO2 in der Atmosphäre, nämlich für drei Viertel der seit 1850 produzierten Menge. Sie müssen daher voranschreiten, und jedes entwickelte Land muss sich auf tiefe Einschnitte verpflichten, die innerhalb eines Jahrzehnts seine Emissionen auf ein Niveau zurückfahren, das erheblich unter dem von 1990 liegt.

Entwicklungsländer können argumentieren, dass sie nicht die größten Verursacher sind und dass die ärmsten Regionen am härtesten getroffen sein werden. Doch auch sie werden zunehmend zur Erderwärmung beitragen und müssen ihrerseits handeln. Immerhin haben die beiden weltweit größten Verschmutzer, die USA und China, sich zu Emissionszielen bekannt, auch wenn diese geringer ausfallen als viele gehofft hatten.

Dass die Industrienationen tiefer in die Tasche greifen, verlangt schon die soziale Gerechtigkeit, und CO2-arme Technologien verhelfen ihnen zu Wirtschaftswachstum ohne dass die Emissionen steigen müssten. Die Architektur eines zukünftigen Vertrags muss nach dem Treffen in Kopenhagen feststehen - mit einer strengen multilateralen Überwachung, mit Belohnungen für den Schutz der Wälder und die glaubwürdige Berechnung von exportierten Emissionen, so dass die Last zwischen jenen verteilt werden kann, die klimaschädliche Produkte herstellen und jenen, die sie konsumieren. Fairness verlangt auch, dass die Minderungsziele jedes einzelnen Landes davon abhängen, was es leisten kann; neue EU-Mitglieder etwa, oft viel ärmer als das "alte Europa", dürfen nicht mehr leiden als die reicheren Länder.

Billiger als die Rettungsaktionen für die Banken

Die Transformation wird viel Geld kosten, aber viel weniger als die Rettungsaktionen für die Banken - und sie wird weitaus billiger sein als wenn nichts geschieht.

Viele von uns, vor allem in der entwickelten Welt, werden ihren Lebensstil ändern müssen. Die Zeit, in denen ein Flug billiger ist als die Taxifahrt zum Flughafen, muss bald vorbei sein. Wir werden intelligenter einkaufen, essen und reisen müssen. Wir werden mehr für Energie zahlen müssen und weniger davon verbrauchen.

Doch der Wandel zu einer CO2-armen Gesellschaft birgt mehr Chancen als Opfer. Einige Staaten haben erkannt, dass die Transformation Wachstum und mehr Lebensstandard bringt. Der Kapitalfluss beweist das: Vergangenes Jahr ist mehr Geld in erneuerbare Energien investiert worden als in Strom aus fossilen Quellen. Außergewöhnliche Ingenieurskunst und Innovationen werden nötig sein, um innerhalb eines Jahrzehnts unsere Kohlenstoffgewohnheiten zu ändern. Doch während Mondlandung und Kernspaltung aus Konflikten und im Wettbewerb entstanden sind, muss der Wettlauf um die kohlenstoffarme Welt gemeinsam gewonnen werden.

Beim erfolgreichen Kampf gegen den Klimawandel wird Optimismus über Pessimismus triumphieren, die Vision über die Kurzsichtigkeit, es werden, wie Abraham Lincoln sagte, "die besseren Engel der menschlichen Natur" siegen.

In diesem Geist haben sich die 56 Zeitungen auf diesen Appell geeinigt. Was uns mit so unterschiedlichen nationalen und politischen Perspektiven gelingt, so gilt dies auch für unsere Regierungen. In Kopenhagen werden Politiker die Macht haben, das Urteil der Geschichte über ihre Generation zu prägen: einer Generation, die entweder die Herausforderung angenommen hat und an ihr gewachsen ist oder einer, welche das Übel hat kommen sehen und nicht gehandelt hat.

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