Experten warnen davor, den Verzicht zur Maxime zu erheben. "Das kann durchaus auch ins Gegenteil umschlagen", sagt Ortwin Renn, Umweltsoziologe an der Uni Stuttgart. Vielerorts beherrsche derzeit die "Semantik der Katastrophe" die Debatte.

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"Und irgendwann fragen sich die Menschen: Wo bleibt denn die Katastrophe?" Dann könne die Motivation zum Verzicht schnell in sich zusammenfallen. Ganz zu schweigen vom Frust, wenn der eine zwar an seiner Klimabilanz feilt, der Nachbar aber Sportwagen liebt und in die Ferne reist.

Herausforderung an die Industrie

Ohnehin bleibt die Wirkung der kleinen Schritte umstritten. "Die Bereitschaft mag ja bei vielen da sein, etwas zu tun", sagt Claudia Kemfert, Klima- und Energieexpertin und Leiterin der Abteilung Klima und Energie beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. "Aber Verzichtsappelle halte ich für problematisch."

Dafür seien die Einsparungen beim Konsum am Ende zu bescheiden, jedenfalls im Vergleich zu anderen Sparpotentialen. Eine Studie, die das Baseler Prognos-Institut kürzlich zusammen mit dem Öko-Institut fertigte, stützt diese Hypothese. Zwar entsteht gut ein Fünftel der deutschen Emissionen direkt in den Haushalten - doch die meiste Energie geht durch schlecht gedämmte Gebäude verloren, nicht durch falschen Lebensstil.

So sei in deutschen Gebäuden "eine massive Verstärkung der Energieeffizienz die entscheidende Determinante für die nahezu vollständige Zurückführung der CO2-Emissionen", urteilten die Gutachter von Prognos und Öko-Institut im Auftrag der Umweltstiftung WWF.

Ähnlich verhält es sich in vielen Bereichen: Strom sparen mag sinnvoll sein - wichtiger aber ist der Ausbau erneuerbarer Energiequellen. Weniger Autofahren und weniger Fliegen wäre ein Beitrag - wichtiger aber wird die Entwicklung von sparsamen und alternativen Antrieben sein.

"Die Hauptherausforderung hat die Industrie", sagt Regine Günther, Klimaexpertin beim WWF. "Sie muss es schaffen, Wohlstand und Klimaschutz miteinander zu verbinden." Das ist auch nötig, damit andere Staaten einen Anreiz haben, beim Klimaschutz mitzuziehen. Denn auf ihren Wohlstand wollen die wenigsten verzichten. Im Gegenteil: Die meisten wollen ihn erst erreichen.

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(SZ vom 12.12.2009/gal)