Klimageschichte Es wurde kalt um Byzanz

Die Hagia Sophia wurde im 6. Jahrhundert von den Byzantinern errichtet und später in eine Moschee umgewandelt.

(Foto: AFP)

Eine "Kleine Eiszeit der Spätantike" könnte den Niedergang des Oströmischen Reichs und die islamische Expansion beschleunigt haben.

Von Marlene Weiß

Im Nachhinein lassen sich viele Gründe finden, warum es mit dem Oströmischen Reich irgendwann bergab gehen musste - Pest-Epidemien, zermürbende Kriege, versagende Führungseliten, ausufernde Dekadenz. Und womöglich muss man nun einen weiteren Punkt ergänzen: Pech mit dem Klima.

Eine lange andauernde Kälteperiode könnte nach Auffassung von Forschern um Ulf Büntgen von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft in Birmensdorf in der Schweiz dazu beigetragen haben, dass sich die Welt im 6. und 7. Jahrhundert dramatisch veränderte - und der Niedergang des Oströmischen Reiches begann (Nature Geoscience).

Auslöser der Umwälzungen seien Vulkanausbrüche gewesen, die sich zwischen 536 und 547 ereignet haben müssen; der erste irgendwo im hohen Norden, etwa in Sibirien oder Alaska, zwei weitere in den Tropen. Sie könnten so viele Partikel in die Atmosphäre befördert haben, dass ein Teil der Sonnenstrahlung für eine Weile abgeschirmt wurde. Hinzu kam eine Zeit sehr schwacher Sonneneinstrahlung im siebten Jahrhundert; so könnte es 120 Jahre lang ziemlich kalt auf der Erde geworden sein.

Hängen die zerstörerischen Ereignisse der Spätantike mit dem Klima zusammen?

Einen Beleg dafür liefern nun die Jahresringe von Bäumen aus dem russischen Altai-Gebirge. Sind diese besonders schmal, deutet das auf einen kühlen Sommer hin, in dem der Baum wenig wachsen konnte. 660 Bäume, teils lebend und eigens gefällt, teils verrottendes Totholz, untersuchten Büntgen und seine Kollegen für ihre Arbeit. Und tatsächlich passte der Rhythmus der Jahresringe der Altai-Bäume überraschend sowohl zu den bekannten Vulkanausbrüchen, als auch zu Jahresring-Daten, die die Forscher zuvor im Alpenraum gesammelt hatten. Insgesamt sind das nach Ansicht der Wissenschaftler genug Hinweise, um der Periode von 536 bis etwa 660 n. Chr. einen Namen zu geben: die Kleine Eiszeit der Spätantike.

Diese Zeit war, historisch betrachtet, ereignisreich. Die Justinianische Pest wütete in mehreren Wellen, das Oströmische Reich schrumpfte, das persische Sassaniden-Reich brach zusammen, slawischsprachige Völker verbreiteten sich auf dem Balkan, in Nordchina gab es Konflikte. Alles war sicher nicht allein bedingt durch das Klima, aber ein Faktor könnte es durchaus gewesen sein: So könnte das kühle Wetter in Europa und im Mittelmeerraum zu schlechten Ernten geführt und Hungersnöte verstärkt haben. In der unterernährten Bevölkerung konnte sich die Pest ausbreiten, ganze Imperien wurden geschwächt. Eurasische Steppenvölker könnten durch knappes Nahrungsangebot für Mensch und Tier gezwungen worden sein, weiterzuziehen - so ließen sich womöglich die Migrationsströme auf dem Balkan und nach China erklären. Auf der arabischen Halbinsel dagegen könnten kühlere, regnerische Sommer segensreich gewirkt haben - mehr Futter, um größere Kamelherden zu ernähren, mit denen arabische Armeen die islamische Expansion erzwangen.

Natürlich müsse man mit solchen Zusammenhängen vorsichtig sein, schreiben die Forscher, viele Faktoren seien noch unklar. Trotzdem: "Es sind viele Puzzleteile", sagt Ulf Büntgen, "jedes ist unsicher und mit einem Rauschen behaftet, aber alles passt erstaunlich gut zusammen."

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