Klimaforschung Ein anerkannter Klimaforscher berichtet von Morddrohungen und Suizid-Gedanken

Michael Mann von der Pennsylvania State University, der sich für seine Rekonstruktion des Klimas vergangener Jahrhunderte vor einem Kongress-Ausschuss in bester McCarthy-Manier rechtfertigen musste, beschreibt das in seinem Buch "The Hockey Stick and the Climate Wars" als "die bestfinanzierte, am sorgfältigsten orchestrierte Attacke auf die Wissenschaft, die die Welt je erlebt hat". Sein Kollege Phil Jones von der University of East Anglia, von dessen Computern 2009 Tausende E-Mails gestohlen und veröffentlicht wurden, ging durch ein Feuerbad von Pressekampagnen und Untersuchungskommissionen. Er berichtete von Morddrohungen und Suizidgedanken.

Die Klimaforschung hat sich von ihren Kritikern sogar die Agenda diktieren lassen, monieren der Psychologe Stephan Lewandowsky von der Universität im britischen Bristol und die Wissenschaftshistorikerin Naomi Oreskes von der Harvard University. "Seepage" ist der englische Begriff, den sie dafür geprägt haben: Regelrecht eingesickert ins Gewebe der Wissenschaft seien die ständigen Attacken. Viele Forscher versuchten, Einwände inhaltlich zu entkräften, die schon aus formalen Gründen erkennbar falsch waren. Damit hätten sie die Prämisse der Angriffe akzeptiert und legitimiert.

Matthew England ist Klimaforscher an der Universität New South Wales. In Australien sind Wissenschaftler besonders Angriffen der Kohlelobby ausgeliefert.

(Foto: Nick Bowers)

Lewandowsky, Oreskes und ihre Mitstreiter belegen die These anhand der sogenannten Erwärmungspause. Seit Jahren behaupten Kritiker, die Erde habe sich seit dem Rekordjahr 1998 nicht weiter erwärmt. Dagegen sprechen Fakten: 2005, 2010 und 2014 wurden extreme Temperaturen verzeichnet; das laufende Jahr 2015 ist auf Rekordkurs. Untersuchungen zeigen sogar, dass es keine nennenswerte Verlangsamung der Erwärmung gegeben hat. Dennoch erklärte der IPCC im Jahr 2013, die Temperaturentwicklung sei seit 1998 hinter den Erwartungen zurückgeblieben. "Das Einsickern passiert, wenn Wissenschaftler Ausdrücke übernehmen, die außerhalb der Wissenschaft aus politischen Gründen geprägt wurden", erläutert der Psychologe aus Bristol.

Viele Einwände halten sich nicht an die Standards der Wissenschaft

Solchen Schaden kann die Wissenschaft nehmen, erläutert der Philosoph Torsten Wilholt von der Universität Hannover, wenn Einwände keinen sokratischen Fortschritt ermöglichen. Damit bezieht er sich auf die Fragetechnik des antiken Gelehrten. Ein Einwand ist für Wilholt unproduktiv und destruktiv, wenn er nicht auf einen bisher ignorierten blinden Fleck einer Hypothese verweist. Mit Wilholts Kriterium lassen sich viele Einwände gegen die Klimaforschung als unproduktiv erkennen. Es sind die leichten Fälle, in denen zum Beispiel Kritik wieder und wieder vorgebracht wird, obwohl die Gegenargumente längst präsentiert wurden. Sie sind zum Beispiel bei skepticalscience.com katalogisiert; die Webseite ist auch ein Versuch, den Begriff der Skepsis zurückzuerobern.

In komplizierteren Fällen, räumt der Hannoveraner Forscher ein, lasse sich die Kritik kaum für eine formale Prüfung in messbare Größen verwandeln. Um diese Lücke zu schließen, haben Justin Biddle aus Atlanta und Anna Leuschner aus Hannover eine Liste von vier Kriterien erstellt, die destruktive Einwände entlarvt.

Diese halten sich erstens nicht an die Standards der Wissenschaft, was Pflicht wäre. Für die Kür aber blicken die beiden Philosophen auf die gesellschaftlichen Konsequenzen. Es muss um etwas Wichtiges gehen, sodass zweitens ernste Folgen zu erwarten sind, sollte die angegriffene Hypothese zu Unrecht verworfen werden. Drittens müssen die Risiken für die betroffene Industrie und für die Öffentlichkeit ungleich verteilt sein und viertens werden Risiken für Unternehmen verteufelt, aber für Konsumenten akzeptiert.