Von Von Alexander Hagelüken

Europa will den Kampf gegen die Erderwärmung anführen, doch die Rettung des Globus kann nur mit den USA und China gelingen. Die nächsten Jahre werden ein historisch beispielloses Experiment.

Umweltkommissar Stavros Dimas, ein freundlicher Mann mit Halbglatze, neigt nicht zu Pathos. Alles Missionarische widerspricht seinem Charakter. Doch in seiner nüchternen Art beharrt der Grieche darauf, dass gerade ein Umbruch stattfindet.

Flutwelle auf Sylt

Flutwellen, wie hier auf Sylt werden es immer häufiger geben. (© Foto: dpa)

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"Der Klimawandel war für die Europäer lange ein sehr abstraktes Phänomen und deshalb leicht zu verdrängen", sagt er. "Das gehört der Vergangenheit an." Im Winter bleibt der Schnee aus, Stürme toben über das Land: Die Aufheizung des Planeten lässt sich kaum noch als Phänomen abtun, das vor allem Inselgruppen mit schwer aussprechbaren Namen Tausende Kilometer weit weg betrifft.

Auf Dimas Schreibtisch stapeln sich Studien, die beschreiben, was eine ungebremste Erderwärmung in Europa anrichten könnte: Von Danzig bis Santander werden Küsten überschwemmt. Auf ostdeutschen Feldern verdorrt das Getreide. In Italien oder Griechenland raffen Hitzewellen Zehntausende Menschenleben hinweg. Und: Alle diese Auswirkungen sind nur noch wenige Jahrzehnte entfernt.

Angesichts solcher Szenarien erscheinen Maßnahmen gegen den Wetterwandel für die Europäer auf einmal als Selbstschutz. Vorher galten sie eher als Selbstlosigkeit im Dienste anonymer Dritte-Welt-Bewohner und rangierten auf der Prioritätsskala weit unten.

Kommissar Dimas fühlt sich bestätigt: Wenigstens in Umfragen räumen die EU-Bürger dem Kampf gegen die Klimakatastrophe auf einmal hohe Bedeutung ein.

Bis 2020 Kohlendioxid-Emissionen um Fünftel senken

Ein Gefühl der Dringlichkeit hat auch Europas 27 Staats- und Regierungschefs ergriffen. Überraschend schnell einigten sie sich Anfang März auf ein weltweit einmaliges Ziel: Bis zum Jahr 2020 sollen die Kohlendioxid-Emissionen (CO2) um mindestens ein Fünftel sinken.

Wenn andere Erdregionen mitziehen, sogar um 30 Prozent. Was das bedeutet, zeigt eine andere Zahl. Schon um die bescheidenere der beiden Marken zu erreichen, müssen die Europäer etwa die halbe deutsche Wirtschaftsleistung eines Jahres aufwenden. Eine Summe, die dem Kauf von 20 Millionen Luxuslimousinen entspricht.

Mit der Vorgabe wollen die Europäer nicht nur sich selber unter Druck setzen, sondern auch andere. Als Vorreiter soll Europa andere große Klimaschädiger wie die Vereinigten Staaten und China überzeugen, ebenfalls zu handeln. Es gibt keine andere Chance, um den langfristigen Temperaturanstieg auf erträgliche zwei Grad Celsius zu begrenzen: Die EU-Staaten sind nur für ein Achtel der globalen Emissionen verantwortlich.

Doch ist die Strategie, als Vorreiter die Welt zu retten, vielleicht Größenwahn? Eine Milliardenverschwendung? "Bisher spricht wenig dafür, dass sich andere Erdregionen beeindrucken lassen", sagt Enno Harks, der bei der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik Energiefragen erforscht.

Harks sieht ein Patt, das auf Stillstand hindeutet: Der weltgrößte CO2-Emittent USA schließt Verbesserungsmaßnahmen aus, falls China seinerseits eine entsprechende Verpflichtung scheut.

Die kommende wirtschaftliche Großmacht aber fürchtet um ihr Wachstum, das den armen Massen Wohlstand verspricht. Harks warnt trotz der Popularität der klimabewussten Politiker Al Gore und Arnold Schwarzenegger vor Illusionen: "Benzin und Heizöl durch Ökosteuern zu verteuern, wie es nötig wäre, ist in Amerika auch nach George Bush ausgeschlossen".

Optimistische Wissenschaftler

Andere Wissenschaftler sind optimistischer. Europa könne andere Regionen vielleicht nicht durch ökologische Appelle überzeugen, aber durch technologische und wirtschaftliche Argumente, sagt Claudia Kemfert.

Die Umweltökonomin von der Berliner Humboldt-Universität präsentiert eine Rechnung, die Händler an der Wall Street noch mehr begeistern dürfte als grüne Ortsvereine: Die EU-Klimaschutzpolitik könnte die Zahl der Jobs in Europa durch erneuerbare Energien wie Wind und Biomasse in zwanzig Jahren auf 750 000 verfünffachen.

Das wären dann genauso viele wie in der Autoindustrie. Mit solchen Beispielen sind Amerikaner und Chinesen zu gewinnen, glaubt Kemfert. Nach einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey gibt es viel Spielraum für technische Lösungen. Drei Viertel der bis 2030 notwendigen CO2-Reduktionen ließen sich durch Technologien erreichen, die heute schon einsatzbereit sind. Also nur noch eingesetzt werden müssten.

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