Kernkraftwerke in der Ukraine Armdrücken im Reaktorkern

Das Kernkraftwerk Süd-Ukraine hat derzeit große Symbolkraft: Es stecken Brennelemente russischer und westlicher Produktion direkt nebeneinander.

(Foto: Energoatom)

Auch bei der Atomkraft ist die Ukraine von Russland abhängig. Amerikanische Brennelemente müssen her, befindet Kiew. Die passen schlecht, behauptet Moskau, und warnt vor "neuen Tschernobyls". Ein gefährlicher Streit zulasten der Sicherheit entspinnt sich.

Von Christopher Schrader

Die Bilder des Kernkraftwerks Süd-Ukraine nahe der Stadt Juschnoukrajinsk zeigen eine wahre Idylle. Die drei Reaktoren in ihrem ochsenblutroten Stahlzylindern sind auf offiziellen Fotos des Kraftwerksbetreibers Energoatom zwischen Sonnenblumen zu sehen, hinter Blumenrabatten oder über einem Stausee. Natürlich scheint die Sonne.

Politisch betrachtet müssten jedoch dunkle Wolken über der Anlage stehen. Zwei der drei Blöcke sind derzeit ein Symbol für den Konflikt, der die Ukraine erschüttert. In ihren Kernen stecken Brennelemente russischer und westlicher Produktion direkt nebeneinander. Jeder der Hersteller wirft dem anderen nun vor, die Sicherheit der Anlage zu gefährden. Auch in den Atommeilern der Ukraine wird um Einfluss gerungen. Russland möchte seine Macht über Land und Reaktoren erhalten, die Regierung in Kiew und die AKW-Betreiber wollen sich dem Westen zuwenden. Ohnehin gehört die Energiefrage zum wirtschaftlichen Kern des Konflikts. Im Westen bekannt ist das Problem mit dem Erdgas, für das die russischen Lieferanten nun drastisch erhöhte Preise fordern. Gleichzeitig erzeugt die Ukraine fast die Hälfte ihres Stroms mit 15 Kernreaktoren russischer Bauart, für die bisher der russische Staatskonzern Rosatom Uran lieferte. Schon warnt der amtierende Ministerpräsident Arsenij Jazenjuk, Russland wolle Energie als "neue Atombombe" gegen sein Land einsetzen - vor dem Hintergrund der Tschernobyl-Katastrophe, die sich 1986 in der Ukraine abspielte, ein bemerkenswerter Vergleich.

Zwar hat der Chef von Rosatom Mitte März die Versorgung garantiert: "Wir haben komplizierte Beziehungen zur Ukraine, aber es gab keine Unterbrechung und wird keine geben", sagte Sergei Kirijenko laut staatlichem ukrainischen Informationsservice. Dennoch hat Jazenjuk selbst kurz danach Manager des US-Konzerns Westinghouse in Pennsylvania getroffen, berichtet das Wall Street Journal; wenig später verlängerte seine Regierung einen Liefervertrag mit den Amerikanern bis 2020. Es geht um Nuklearbrennstoff für Hunderte Millionen Dollar im Jahr. Westinghouse möchte bis zu ein Viertel des ukrainischen Bedarfs decken und so seine Fabrik in Schweden auslasten. Der Vertrag bezeuge die Qualität der eigenen Produkte, freute sich der Konzernchef.

Die russische Propandamaschine nützt alle Kanäle, um vor Fabrikaten der Konkurrenz zu warnen

Dabei ist auch die Beziehung zwischen dem Reaktorbetreiber und dem US-Konzern nicht konfliktfrei. Immer wieder gab es Streit um die gelieferten Brennelemente, die angeblich gefährliche Designfehler aufwiesen. Zweimal wäre Westinghouse fast aus dem Land geflogen; dass das Unternehmen jetzt wieder gefragt ist, hat weniger technische als politische Gründe.

Aus Russland kommen bereits heftige Proteste gegen den Westinghouse-Deal. Schon Mitte April meldete sich der Radiosender Voice of Russia mit der Meldung, die Ukraine sei auf bestem Wege, 15 weitere Tschernobyl-Desaster anzurichten. In russische Reaktoren passe nur russischer Brennstoff. Die Botschaft wurde auf vielen Kanälen verbreitet. Sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel bekam entsprechende Post vom stellvertretenden Vorsitzenden des Industrieausschuss der russischen Duma, Wladimir Gusenew.

Brennelemente sind in Prinzip Bündel von einigen Hundert langen dünnen Röhrchen, den Brennstäben, die mit Urantabletten gefüllt sind. Sie geben die bei der Kernspaltung entstehende Wärme an umgebendes Wasser ab, das an ihren dünnen Wänden entlangströmt. Abstandshalter und Stützbleche sorgen für die mechanische Stabilität des Brennelements.

Westinghouse versucht seit langem, im Geschäft mit Brennstoff für russische Reaktoren Fuß zu fassen. In Tschechien und Finnland ist der Konzern damit gescheitert. Problematisch ist, dass der Kern russischer Meiler radikal vom Design westlicher Kernkraftwerke abweicht. Die Brennelemente haben einen sechseckigen, nicht quadratischen Querschnitt; Abstände, Drücke, Temperaturen, beigesetzte Chemikalien, die Anordnung der Steuerstäbe, alles ist anders. Es ist, also wollte ein deutscher Sportwagenhersteller Kurbelwellen für chinesische Schiffsdiesel fertigen.

Hinzu kommt: Die Westinghouse-Brennelemente stehen in unmittelbarer Nachbarschaft mit ihren Pendants russischer Herkunft, deren Design jüngst substantiell verändert wurde. Dazu waren die russischen Lieferanten aufgrund fortgesetzter Mängel gezwungen. Laut einem Bericht der internationalen Atombehörde IAEA von 2005 zeigten vier Prozent der bis dahin verwendeten Elemente Lecks, ein Viertel von ihnen musste vorzeitig aus dem Reaktorkern entfernt werden - eine untragbare Ausschussquote. Das Inventar eines Reaktors wird aber nicht auf einen Schlag ausgetauscht, sondern über Jahre hinweg. Darum steckten die Westinghouse-Fabrikate irgendwann neben alten wie neuen Produkten der Russen.