Kernfusion Milliarden für das Sonnenfeuer

Es ist ein alter Traum der Menschheit, der in Südfrankreich erprobt werden soll: Man will die Energiequelle aus dem Inneren der Sonne auf der Erde entzünden

(Foto: AFP)

Das internationale Kernfusions-Projekt Iter kämpft mit Missmanagement und wird wohl deutlich teurer als geplant. Ein Bericht der Bundesregierung zeigt: Gegen den mit EU-Mitteln finanzierten Reaktor in Südfrankreich wirkt selbst der Berliner Großflughafen BER transparent.

Von Marlene Weiß

Es ist ein alter Traum der Menschheit, der mit dem internationalen Kernfusions-Projekt Iter in Südfrankreich erprobt werden soll. Man will die Energiequelle aus dem Inneren der Sonne auf der Erde entzünden. Aber bislang haben sich nur die Kosten als nahezu unbegrenzt erwiesen, das Projekt ist von politischem Missmanagement und technischen Schwierigkeiten geplagt. Ein Bericht der Bundesregierung, der an diesem Mittwoch im Haushaltsausschuss beraten wurde und der SZ vorliegt, zeigt: Die Kosten bleiben offen, während das Startdatum immer weiter nach hinten rückt.

Die Grünen hatten im Frühjahr gefordert, die Bundesregierung möge den Haushaltsausschuss jährlich über die Kosten des Projekts informieren. Vor dem Baubeginn hätte der Kernfusions-Reaktor etwa fünf Milliarden Euro kosten sollen, inzwischen geht man von 17 Milliarden aus, eine aktuelle Schätzung des Iter-Managements steht noch aus. Die EU hat ihren Beitrag von 45,5 Prozent der Kosten über die EU-Atomgemeinschaft Euratom auf 6,6 Milliarden Euro gedeckelt. Das wird aber wohl kaum reichen. Der Europäische Rechnungshof hatte im Januar kritisiert, dass wegen fehlender Überwachung Abweichungen von bis zu 290 Millionen Euro möglich seien.

Inbetriebnahme erst 2023

Der erste Iter-Bericht des Bundesforschungsministeriums lässt nun den Berliner Flughafen BER im Vergleich als transparent geplant erscheinen. Was das Startdatum angeht, also wann in dem ringförmigen Reaktor erstmals Millionen Grad heißes Gas kreist, steigt der Pessimismus. Offiziell sollte es 2020 sein, vor einem Jahr nannte die Bundesregierung in der Antwort an die Grünen das Jahr 2022. Mittlerweile ist akzeptiert, dass sich die Inbetriebnahme wohl bis mindestens 2023 verzögern wird. Auf dieses Jahr war auch eine Expertengruppe der Regierung gekommen. "Die Höhe möglicher Kostensteigerungen kann auf Grundlage der vorliegenden Informationen jedoch nicht präzisiert werden", heißt es weiter. "Hierfür wäre eine detaillierte Analyse der aktuellen Projektunterlagen erforderlich"; das Iter-Management wolle jedoch erst 2015 einen neuen Zeitplan vorlegen.

Die Bundestagsabgeordnete Ekin Deligöz, die für die Grünen im Haushaltsausschuss sitzt, ist erbost darüber, dass es keine Auskunft über den deutschen Anteil an den Iter-Kosten gibt. Der Regierungsbericht führt nur auf, dass 434 Millionen Euro in Form von Aufträgen nach Deutschland zurückgeflossen seien. "Wenn man das errechnen kann, dann sollte man doch sagen können, was Deutschland für Iter bezahlt", sagt Deligöz. Auf Anfrage erklärt das Forschungsministerium, dass Deutschland acht Prozent der Euratom-Kosten trage, das entspräche 530 Millionen Euro für Iter.