Kernenergie Wie sicher sind Atomkraftwerke vor Anschlägen?

Atomkraftwerk Tihange: nach den Anschlägen von Brüssel teilweise geräumt.

(Foto: Julien Warnand/dpa)
  • In den belgischen Atomkraftwerken Doel und Tihange sind die Sicherheitsvorkehrungen nach den Terroranschlägen von Brüssel verschärft worden.
  • In den Anlagen arbeiten Druckwasserreaktoren, die gut geschützt sein sollten. Im Krisenfall aktivieren sich manche Sicherheitsvorkehrungen automatisch.
  • Allerdings sind die Reaktoren alt und daher störanfällig. Die belgische Atomaufsicht stellte diverse Sicherheitsmängel fest.
Von Marlene Weiß

Auch am Mittwoch wird in den belgischen Atomkraftwerken Tihange nahe der Grenze bei Aachen und Doel bei Antwerpen gearbeitet, nachdem die Anlagen wegen der Terroranschläge in Brüssel teilweise geräumt worden waren. Die Reaktoren produzieren weiter Strom. Nur festangestellte Mitarbeiter des belgischen Energieversorgers Electrabel waren am Tag der Anschläge im Dienst, Personal von Subunternehmern hatte dagegen nur für "dringende und für die nukleare Sicherheit notwendige" Arbeiten Zugang zu den Atomkraftwerken, wie es in einer Mitteilung von Electrabel hieß. Wer auch immer die Atomkraftwerke betreten wollte, wurde genauer kontrolliert als üblich. Erst am Tag nach den Anschlägen wurde das Personal wieder aufgestockt.

Offenbar haben die belgischen Behörden Grund zur Annahme, dass die beiden Atomkraftwerke des Landes besonders bedroht sein könnten. Berichten in belgischen Medien zufolge gibt es Hinweise, dass mutmaßliche Terroristen in eines der Atomkraftwerke eindringen wollten. Im Dezember waren zudem bei einer Hausdurchsuchung eines Verdächtigen in Belgien Videoaufnahmen vom Haus des Leiters von Belgiens Kernforschungsprogramm aufgetaucht.

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Offiziell werden alle AKW-Mitarbeiter ohnehin einem Sicherheitscheck unterzogen, "aber wir gehen kein Risiko ein", meldete die belgische Atomaufsicht AFCN. Fraglich ist allerdings, ob ein reduzierter Betrieb wirklich mehr Sicherheit bringt.

Sabotagefall in Doel

Sowohl die drei Blöcke von Tihange als auch die vier von Doel sind Druckwasserreaktoren, die grundsätzlich gut geschützt sind. So aktivieren sich passive Sicherheitssysteme automatisch bei kritischen Vorkommnissen: Bei einer Reaktorschnellabschaltung, etwa wenn die Stromversorgung unterbrochen wird, fallen beispielsweise sogenannte Steuerstäbe zwischen die Brennstäbe und verhindern damit eine unkontrollierte Kettenreaktion. Parallele Schutzsysteme sollen sicherstellen, dass beim Ausfall einer Komponente das System trotzdem weiterarbeitet. So gibt es mehrere Ersatzgeneratoren, falls ein Dieselgenerator für den Kühlkreislauf ausfällt. In Deutschland nutzen sechs der acht noch betriebenen Kernkraftwerke Druckwasserreaktoren (hier erfahren Sie, wie dieser Typ genau funktioniert).

Allerdings sind sowohl Doel als auch Tihange recht alte Anlagen und stehen unter anderem wegen feinen Rissen in Reaktorbehältern in der Kritik. Bei den europäischen Stresstests nach der Katastrophe von Fukushima hatte die belgische Atomaufsicht bei beiden AKWs zudem diverse Sicherheitsmängel identifiziert. Auch die deutsche Bundesregierung dringt schon länger auf Verbesserungen bei der Sicherheit. Etwa fehlt laut der jüngsten Antwort des Bundesumweltministeriums auf eine Anfrage der Grünen offenbar bei beiden Atomkraftwerken ein System, das die entweichende Luft filtert, falls überschüssiger Druck im Reaktorbereich abgelassen werden muss. Da es sich um den Primärkreislauf des Kraftwerks handelt, kann dieser Wasserdampf radioaktiv belastet sein.

Allerdings geht es bei diesen Bedenken eher um allgemeine Störfälle. Was passiert, wenn wirklich ein Mitarbeiter in böser Absicht die Anlage von innen manipulieren sollte, ist schwer abzuschätzen. Mit einem Knopfdruck allein kann sicher keine Katastrophe ausgelöst werden. 2014 gab es zwar nach Angaben von GDF Suez, dem Mutterunternehmen von Electrabel, einen Sabotagefall in Doel. Es fiel aber nur eine Turbine im nicht-nuklearen Teil aus.

Ein Restrisiko bleibt

Aber wer es wirklich ernst meint, kann immer gefährlich werden. "Wer sich gut auskennt und an die zentralen Schaltstellen herankommt, kann großen Schaden anrichten", sagt Wolfgang Renneberg, bis 2009 Abteilungsleiter für Reaktorsicherheit im Bundesumweltministerium. Und zum Beispiel Stellen finden, die man zerstören muss, um etwa die Kühlung auszusetzen. Allerdings könnte dann immer noch die restliche Belegschaft eingreifen. Für viele Prozesse ist auch in Atomkraftwerken ein Vier-Augen-Prinzip üblich, Mitarbeiter erhalten nur zu zweit Zugang zu bestimmten Anlagen. Ein Terrorist müsste dann einen Komplizen dabeihaben.

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Denkbar wäre immer auch das Szenario eines gezielten Flugzeugabsturzes. Die Blöcke Doel 3, Doel 4, Tihange 2 und Tihange 3 verfügen über eine doppelte Betonhülle, die theoretisch einen Absturz aushalten müssten. Bei den drei anderen ist das jedoch nicht der Fall - ein Restrisiko bleibt.