Kein Klimawandel bei der Autoindustrie Vornehm geht die Welt zugrunde

Die deutsche Autoindustrie setzt auf CO2-Schleudern. Deshalb passen ihr die Pläne des EU-Umweltkommissars nicht ins Konzept.

Ein Kommentar von Markus C. Schulte von Drach und Andreas Schätzl

Die deutsche Autoindustrie ist offenbar auf die Produktion von Vehikeln angewiesen, die mehr als 120 Gramm Kohlendioxid je Kilometer ausstoßen.

VW Touareg

317 Gramm CO2 stößt der VW Touareg je Kilometer aus.

(Foto: Foto: dpa)

Anders wäre der heftige Widerstand der fünf großen deutschen Automobilhersteller und des Bundeswirtschaftsministers Michael Glos gegen die Pläne der EU-Kommission zum Klimaschutz nicht zu verstehen.

Umwelt-Kommissar Stavros Dimas will den Grenzwert für den CO2-Ausstoß auf 120 Gramm pro Kilometer festsetzen und die Autohersteller verpflichten, die Emissionen von Neufahrzeugen bis 2012 um ein Viertel zu vermindern

Doch geht es nach dem Willen der Autohersteller, darf dies auf keinen Fall Realität werden.

Andernfalls, so drohen jetzt die Chefs von BMW, Ford, Opel, Volkswagen und DaimlerChrysler in einem Brief an die EU-Kommission, würde es unmittelbar zu einer "Abwanderung zahlreicher Arbeitsplätze bei den Automobilherstellern wie auch in der Zuliefererindustrie aus Deutschland und anderen Produktionsstandorten in Europa" kommen.

Demnach werden die Limousinen und SUVs, die teilweise mehr als 300 Gramm je Kilometer ausstoßen, offenbar in einer Größenordnung verkauft, das große Teile der Industrie inzwischen davon abhängig sind. Anders ist die Aufregung nicht zu verstehen.

Die Angst, dass ausländische Unternehmen in die von der EU erzwungene Lücke bei Autos mit extrem großem Verbrauch stoßen könnten, kann die deutschen Widerstände nicht erklären. Schließlich müsste die Konkurrenz sich ebenfalls an die Vorgaben der EU-Kommission halten.

Eher erklären lässt sich das Verhalten der deutschen Hersteller damit, dass sie sich auf die aus Umweltaspekten betrachtet falschen Ziele konzentriert haben.

Noch mehr Gewicht, noch mehr PS

Statt kleinere Motoren zu entwickeln, die weniger CO2 ausstoßen, arbeiten die deutschen Ingenieure daran, bessere Dieselmotoren zu bauen - und Ottomotoren, die zwar weniger verbrauchen, deren höhere Effizienz jedoch dazu genutzt wird, noch mehr Gewicht, noch mehr Luxus, noch mehr PS und noch mehr Geschwindigkeit anzubieten. Der Spar-Effekt wird dadurch ad absurdum geführt.

Manche ausländische Kleinwagen-Hersteller dagegen - etwa aus Frankreich - werden kein Problem haben, die geplanten Vorgaben der EU-Kommission zu erfüllen.

Die Drohung der einheimischen Produzenten kommt deshalb dem Eingeständnis eines Versagens gleich. Deutschland ist offenbar nicht mehr konkurrenzfähig, wenn es um Autos mit Otto-Normalverbraucher-Motor geht.

Würden die Pläne des Umwelt-Kommissars Wirklichkeit, dann würden deutsche Autos mindestens 2500 Euro teurer. Und für die dicken BMWs, Porsches und Daimlers müsste der Kunde noch tiefer in den Geldbeutel greifen.

Die Konzerne können also nicht mehr anders als zu klotzen. Das wird auch dadurch belegt, dass es ihnen nicht einmal gelingt, ihrer Selbstverpflichtung nachzukommen.

So stellte der ADAC für 2006 fest, dass die Automobilindustrie mit ihrem selbst gesteckten Ziel, dass Neufahrzeuge ab 2008 nur noch durchschnittlich 140 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer ausstoßen, voraussichtlich scheitern wird. Derzeit liegt der Ausstoß immer noch bei 161 Gramm.

Mitverantwortlich für die Umwelt-Misere und die Situation der deutschen Autoindustrie sind natürlich auch deren Kunden.

Der Klimawandel ist bereits Realität, Wissenschaftler warnen vor Dürren, Überschwemmungen, Stürmen und etlichen anderen fatalen Auswirkungen des Treibhauseffektes, zu dem der Auto-Verkehr einen großen Teil beiträgt. Immerhin 16 Prozent des CO2-Ausstoßes stammt vom Straßenverkehr.

Kaum Nachfrage nach Spar-Autos

Doch viele Deutsche legen beim Autokauf offenbar noch immer mehr Wert auf Größe, Luxus, Pferdestärke und Geschwindigkeit, als auf Umwelt- und Klimaschutz. Tatsächlich ist gerade die Nachfrage nach den kleinsten und sparsamsten deutschen Modellen extrem gering.

Möglicherweise hängt dies auch damit zusammen, dass die heimische Automobilindustrie seit zehn Jahren ganz gezielt für Modelle mit hohem Benzinverbrauch und CO2-Ausstoß wirbt Wie die Naturschutzorganisation Bund kürzlich berichtete, lag der durchschnittliche Verbrauch der Autos, für die 2005 am intensivsten geworben wurde, bei neun Litern auf 100 Kilometer.

Damit liegt natürlich auch der CO2-Ausstoß dieser Kraftfahrzeuge weit über dem, was der EU-Umweltkommissar für wünschenswert hält.

Ob die Verantwortung nun bei den deutschen Herstellern oder den Käufern - oder auch bei beiden - liegt, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Eindeutig ist jedoch, dass etwas geschehen muss.

Und die Forderung von Vertretern der Automobilindustrie nach einer Verbrauchssteuer für Kraftfahrzeuge statt der gesetzlichen Vorgaben klingt für jene hohl, die bereits jetzt versuchen, sich möglichst umweltbewusst fortzubewegen.

Schließlich würde dies bedeuten, dass derjenige, der es sich leisten kann, in Zukunft weiterhin die Umwelt mit Luxuslimousinen und SUVs verschmutzen wird.

Vornehm, so heißt es, geht die Welt zugrunde. Vielleicht sollte man sagen: Vornehm lässt die Welt zugrunde gehen?