Amerika nimmt das Risiko ernst, dass Terroristen auch biologische oder chemische Kampfstoffe einsetzen könnten.
(SZ vom 19.09.2001) - Der Schauplatz ist New York. Ein Terror-Anschlag lässt Tausende Menschen sterben und versetzt die Welt in Schrecken. Was heute Wirklichkeit ist, war gestern noch Fiktion, so in dem Buch "Cobra" des Amerikaners Richard Preston.
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Nach den Anschlägen in den USA wächst die Angst, dass Terroristen auch über Massenvernichtungswaffen verfügen könnten. Das Leid irakischer Kurden, hier Opfer eines Giftgas-Angriffs durch das Regime von Saddam Hussein 1988, zeigt die verheerende Wirkung dieser Mittel. (© SZ-Grafik: Beck, Foto: SZ-Archiv)
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In dem Buch aber stürzen keine Hochhäuser ein; Krankheitserreger werden in der U-Bahn verbreitet - Bioterrorismus, als Roman. Nie ist etwas Derartiges wirklich passiert, doch nachdem in New York vor einer Woche Undenkbares geschah, grübeln weltweit Sicherheitsbehörden auch über solchen Szenarien.
Jeder Mensch mit Husten wäre eine Waffe
In den USA sind sie schon lange ein Thema. Spätestens seit dem Giftgas-Anschlag der Aum-Sekte in der Tokioter U-Bahn 1995 nehmen die USA das Risiko ernst, dass Terroristen ABC-Mittel einsetzen könnten. Sie geben Milliarden von Dollar für Forschungs- und Abwehrprogramme aus, auch wenn diese oft als unzureichend kritisiert werden. "Die Ereignisse in New York und Washington waren Tragödien", sagt Michael Osterholm vom Institut für Infektionsforschung der Universität Minnesota, "aber das Potenzial des biologischen Terrorismus ist weit größer", was den möglichen Verlust an Menschenleben angeht. "Jeder Mensch mit Husten wäre eine Waffe."
Versuch, Ebola-Viren zu impotieren
Manche Experten halten dies für übertrieben. Immerhin hatte auch die Aum-Sekte vergeblich versucht, Biowaffen zu züchten, sie hatte sogar Mitglieder nach Afrika geschickt, um das tödliche Ebola-Virus zu importieren - erfolglos. Allerdings wies auch US- Verteidigungsminister Donald Rumsfeld nun darauf hin, dass mehrere Staaten, die Terroristen beherbergten, biologische und chemische Waffen hätten.
Beschaffung von Viren
Wenn die Aum-Sekte Krankheitserreger hätte verwenden können, hätte es Tausende Tote gegeben, sagt Kathryn Nixdorff, Biowaffen-Expertin von der Technischen Universität Darmstadt. Bis zu 80 Prozent der Infizierten sterben. "Wenn man die Erkrankung bemerkt, ist es meist zu spät." Die Beschaffung von Erregern und Labormaterial sei machbar, "wenn man Kontakte hat".
Sie betont aber, dass das Züchten und Ausbringen von Bakterien wie Milzbrand oder Viren wie Ebola schwierig sei. In der Regel müsse eine spezielle Maschine einen feinen Nebel versprühen, sonst könnten Erreger oft wieder ausgehustet werden. "Es gibt damit nicht so viel Erfahrung - Gott sei Dank."
Schwieriger: Atomwaffen bauen
Atomwaffen sind dagegen kompliziert und teuer in der Herstellung. Fachleute halten es für möglich, dass Terroristen von Nuklearstaaten im Nahen und Mittleren Osten Waffen kaufen könnten; der Handel mit spaltbarem Material unterliegt aber strengen Kontrollen.
Chemische Waffen
Die C-Waffen, die mit Sarin als erste Massenvernichtungswaffen von Terroristen eingesetzt wurden, sind mittlerweile bezüglich ihres Bedrohungspotenzials hinter die Biobomben zurückgefallen. Das mag auch daran liegen, dass inzwischen 174 Staaten das Abkommen zum Verbot chemischer Waffen unterzeichnet haben. Auch sind auf das Gewicht bezogen Giftgase die am wenigsten tödlichen ABC-Waffen. So braucht man immerhin 300 Kilogramm Sarin, um 60 bis 200 Menschen zu töten, so die Studie "Terrorismus und Massenvernichtungswaffen - eine neue Symbiose?" des Physikers Götz Neuneck vom Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik.
Allerdings ist es technisch einfacher, Giftgase wirkungsvoll zu versprühen als biologische Erreger. Und vor allem lassen sich die "Atomwaffen des kleinen Mannes", darunter die Stoffe Phosgen, Senfgas oder Blausäure, leicht herstellen - nämlich in kommerziellen Anlagen, wo etwa Pestizide produziert werden. Ganz abgesehen davon, dass Terroristen auch auf die riesigen Bestände weltweit zurückgreifen könnten. Allein die USA besitzen 30.000 Tonnen, die derzeit nur langsam vernichtet werden; Russland hatte früher 24 Giftgasfabriken.
Irak ist Abkommen gegen C-Waffen nicht beigetreten
Der Irak, der dem internationalen Abkommen nicht beigetreten ist, gilt derzeit als der Chemiewaffen-Staat schlechthin. Westliche Experten schätzen, dass 50000 Iraner und später 5000 Kurden Saddam Husseins chemischen Vernichtungsfeldzügen zum Opfer fielen. Besonders alarmiert war die Welt, als im Irak die Produktion von "VX" anlief, das zehnmal giftiger ist als Sarin.
Angst vor der Angst in Deutschland
Die Behörden in Deutschland schweigen: Sie haben Angst vor der Angst, sie wollen jede Hysterie in der Bevölkerung vermeiden. Eine Vorbereitung wie in den USA gibt es nicht; natürlich ist aber die Feuerwehr auf Nuklear- und Chemieunfälle eingestellt. Gegenwärtig, heißt es, sei Deutschland nicht gefährdet. Terror bestand hier zu Lande bisher in eng begrenzten Anschlägen auf Personen oder in erpresserischen Geiselnahmen. "Die Anschläge in New York haben auf Symbole gezielt", so ist aus einem der Geheimdienste zu hören. Der Tod von Tausenden sei dabei zynisch einkalkuliert, wohl aber nicht das eigentliche Ziel gewesen.
Massenvernichtungswaffen, das ist die Hoffnung hinter solchen strategischen Analysen, sind nicht das Mittel der Wahl von Terroristen. Teile der US-Bevölkerung scheinen das anders zu sehen. Auf Platz Eins der Bestsellerliste des US-Internet-Händlers Amazon stand nach den Anschlägen ein Buch über Biowaffen.
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