Kampf gegen die Armut Wie Entwicklungshilfe wirklich wirkt

Obwohl riesige Geldsummen über die Entwicklungshilfe in arme Länder investiert wurden, ist das Elend vielerorts noch immer groß.

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Um zu verstehen, wie Menschen in Entwicklungsländern mit Geld umgehen und wie ihnen am besten zu helfen ist, gehen Wirtschaftswissenschaftler neue Wege. Sie erproben ökonomische Maßnahmen mit den Methoden der Arzneimittelforschung.

Von Christopher Schrader

Ein Jahr Schule kostet in Kenia nur 7,19 Dollar. In den Slums der indischen Hauptstadt Delhi ist es etwas teurer, aber eigentlich immer noch ein Schnäppchen, gemessen an westlichen Maßstäben: 29,31 Dollar. Dabei geht es jedoch weder um Schulgebühren noch um Investitionen in Bücher oder Lehrer. Dass Schüler seltener in der Schule fehlen, lässt sich mit Investitionen in einfache Medikamente gegen Würmer erreichen, Parasiten, die sich in den Gedärmen vieler Kinder verbissen haben. In Delhi wurden zudem Eisen und Vitamin A verabreicht, um Symptome der Blutarmut zu bekämpfen. Wenn Spenden oder Geld von Entwicklungshilfeorganisationen auf diese Weise investiert wird, ist der Effekt deutlich und schnell messbar. Die Kinder bekommen ihre Dosis, die jeweils nur wenige Cent kostet, im Klassenzimmer. Sie leiden danach seltener an Bauchschmerzen und Antriebslosigkeit und kommen öfter zur Schule.

Damit sich die gewonnene Zeit für das Lernen auf ein Jahr addiert, müssen nur die genannten Beträge von rund 5,50 beziehungsweise 22 Euro aufgebracht werden. Im Gegensatz zu vielen anderen Maßnahmen in der Entwicklungshilfe ist der Effekt des Geldes hier wissenschaftlich nachgewiesen und zertifizierbar. Entwurmung sei ein "Best Buy", eine optimale Investition für unterentwickelte Länder, haben die Mitglieder des Poverty Action Labs (PAL, frei übersetzt: Labor für den Kampf gegen Armut) festgestellt. Hinter dem Titel verbirgt sich eine internationale Gruppe von Ökonomen, die genau untersucht, was wirkt. "Es gibt immer zu wenig Geld für Hilfsmaßnahmen, da sollte man schon genau wissen, wo man mit einem Betrag den größten Effekt erzielt", sagt Rachel Glennerster, eine der Direktorinnen im globalen Hauptquartier der Gruppe am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge bei Boston.

Der Begriff "Labor" im Namen ist dabei Programm. Die Ökonomen betreiben Entwicklungshilfe wie Experimente. Sie teilen mögliche Empfänger zufällig in Gruppen, die Medikamente, Kreditangebote oder neue Reissorten zu verschiedenen Zeitpunkten oder mit unterschiedlichen Subventionen bekommen. Das Ziel ist es, mit "randomisierten Tests" wie sie zum Beispiel in der Medizin üblich sind, die optimale Strategie für den Einsatz eines neuen Instruments zu finden - oder es als ungeeignet zu erklären. "Wir müssen auch bereit sein, zu sagen, wenn etwas nicht funktioniert", erklärt Glennerster.

"Das Feld der Strategien zur Armutsbekämpfung ist übersät mit den Resten wunderbar einfacher Lösungen, die - oh Wunder - nicht funktionieren", bemerkt dazu auch Esther Duflo, Mitbegründerin des PAL. Die Ökonomie der Armen funktioniere eben anders, als sich Helfer im reichen Norden das oft vorstellen, schreibt sie in ihrem Buch "Poor Economics" (mit Abhijit Banerjee, Knaus, 22,99 Euro). Zum Beispiel falle es den Menschen in Entwicklungsländern oft schwer, Vorsorge für die Zukunft zu betreiben, auch wenn sie Prinzip Geld dafür haben. Die französische Ökonomin ist mit ihrer Forschung zu einem Star geworden, das amerikanische Magazin Time hat sie 2011 zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt gewählt. Ihre Bücher verkaufen sich in mehreren Sprachen, zwei sind kürzlich auf Deutsch erschienen.

Die Entwurmung ist eine der Erfolgsgeschichten von Duflos und Glennersters Arbeit. So hat sich zum Beispiel in Kenia gezeigt, dass die Medikamente weit über die Schule und die Schulzeit hinaus wirken. Besonders Mädchen machen bessere Abschlüsse, arbeiten später mehr und nehmen mehr Mahlzeiten zu sich. Und in Dörfern, wo das Programm etabliert ist, machen Kinder in einem Jahrzehnt kognitive Fortschritte, die einer längeren Schulbildung von mindestens einem halben Jahr entsprechen. Diese Zahlen ergaben sich jeweils im Vergleich zu Gemeinden, die per Losentscheid als Kontrollgruppe dienten und erst einige Jahre später mit der Entwurmung anfingen.

Solche Experimente führen im Westen oft zu hochgezogenen Augenbrauen: Wie kann man einzelnen Dörfern die Medikamente verweigern? Sollte Hilfe nicht allen Bedürftigen unabhängig von Bedingungen gewährt werden? Ist das moralisch vertretbar? Rachel Glennerster kennt die Vorbehalte: "Die ethischen Bedenken haben vor allem Leute in den reichen Staaten. In den Entwicklungsländern kennen die Menschen den Mangel und haben Verständnis dafür, wenn nicht alle Dörfer einer Region in ein Programm einbezogen werden."

Darüber hinaus gebe es aber auch gute Gründe, nach dem Zufallsprinzip verschiedene Gruppen zu bilden. Am ehesten ist die Arbeitsweise der Ökonomen nämlich mit medizinischen Studien zu vergleichen, wo manche Probanden aktiv getäuscht werden: Sie bekommen Scheinpräparate, damit die Forscher den Effekt des Wirkstoffs und den Effekt der Erwartung an ein neues Medikament unterscheiden können. Die Ökonomen lassen ihre Experimente zudem genau wie die Mediziner vorher von einer Ethikkommission prüfen. Die Versuche sollen in keinem Fall die Hilfsbedürftigkeit der Teilnehmer ausnützen oder sie bevormunden. In beiden Forschungsdisziplinen gilt die gleiche Logik: "Es gibt Ideen, die gut klingen, aber nicht gut funktionieren", sagt Glennerster.

Auch Misserfolge finden sich in den Fallberichten ihres Labors. Ein Programm, das Menschen auf der philippinischen Insel Mindanao dazu bringen wollte, auf einem Konto Geld zu sparen und gleichzeitig mit dem Rauchen aufzuhören, brachte ebenso wenig den gewünschten Effekt wie die Lieferung von Computern an arme Kinder in den USA. Die bayerische Staatsoper in München erfuhr nach einer Studie, dass ihre Abonnenten weniger Geld für Musikunterricht in sozialen Brennpunkten spendeten, wenn ein reicher, anonymer Gönner zusagte, deren Gaben zu verdoppeln. Das führte dazu, dass die Einzelspenden kleiner wurden. Das "Matching" genannte Verfahren animierte die Abonnenten also nicht wie erhofft zu mehr Großzügigkeit.

Ein weiteres Beispiel, bei dem die PAL-Forscher hohe Erwartungen eher nicht erfüllt fanden, sind Mikrokredite. Sie gelten als eine Art Allheilmittel der Entwicklungszusammenarbeit, spätestens seit einer ihrer Erfinder, Muhammad Yunus aus Bangladesch, 2006 den Friedens-Nobelpreis bekommen hat. Vor allem arme Frauen erhalten hierbei kleine Kredite, zum Beispiel um damit einen Verkaufsstand oder eine Werkstatt zu eröffnen. Die Einnahmen sollen nicht nur die Finanzen der Familie aufbessern, sondern die Stellung der Frau stärken sowie der Gesundheit und Ausbildung der Kinder, besonders der Töchter.

Ein Team des Poverty Action Lab hatte 2005 begonnen, die Folgen von Mikrokrediten auszuwerten. Sie wählten mit einer indischen Bank 52 von 104 möglichen Standorten in den Slums von Haiderabad zufällig aus, um Filialen zu eröffnen; die übrigen Armenviertel dienten als Kontrollgruppe. Dort nahmen während der Beobachtungszeit etwa zehn Prozent der Menschen einen Mikrokredit aus anderen Quellen auf, in den ausgewählten Slums um die neuen Bankfilialen waren es acht Prozentpunkte mehr. Aber nicht einmal jede fünfte dieser zusätzlichen Kundinnen investierte das Geld tatsächlich unternehmerisch. Die Stellung der Frauen, deren Gesundheit oder Ausbildung besserte sich nicht messbar. Die einzige Folge war, dass die wenigen Frauen, die geschäftlich tätig wurden, den Gürtel enger schnallten. Um die Raten zu bezahlen, tätigten sie weniger Ausgaben für kleine Versuchungen: Tabak, Tee auf der Straße oder Essen in der Garküche.

Als die Studie als eine der ersten systematischen Untersuchungen über Mikrokredite 2010 erschien, löste sie große Enttäuschung aus. Doch Esther Duflo rückte das Ergebnis zurecht: Immerhin habe eine kleine Gruppe von Frauen ihren Umgang mit Geld den neuen Prioritäten angepasst. "Das Hauptziel scheint doch erreicht. Es war kein Wunder, aber es funktionierte", schrieb sie. Nur hatten sich die Verfechter der Mikrokredite eben mehr erwartet, den Rundumschlag gegen Folgen der Armut.

Welche Probleme Arme mit der Vorsorge für die Zukunft haben, zeigt sich auch an einem Projekt, das Duflo in Kenia gemacht hat. Sie und ihre Kollegen fragten sich, warum dort nur ein knappes Viertel der Bauern Dünger kaufte und einsetzte, obwohl dieser die Ernteerträge steigert und weit mehr einbringt, als er kostet. Eine randomisierte Studie zeigte dann, dass die Farmer ihn sich nicht mehr leisten konnten, wenn die Aussaat bereits erfolgt war. Dann hatten sie den Ertrag der vorigen Ernte weitgehend ausgegeben. Nur mit einer 50-prozentigen Subvention ließ sich der Anteil der düngenden Bauern jetzt noch signifikant steigern. Einen größeren Effekt brachte aber das Angebot, direkt nach der Ernte einen Gutschein für Dünger zu kaufen, der später eingelöst werden sollte - obwohl die Bauern in diesem Fall den vollen Preis bezahlen mussten. Schon ein kleiner Anschub zum richtigen Zeitpunkt, schloss Duflo daraus, könnte die Situation der Bauern nachhaltig verbessern, wenn sie sich angewöhnten, Dünger rechtzeitig zu kaufen.

"Solche Experimente helfen dabei, die Mechanismen zu verstehen, mit denen sich Armut erhält", sagt Johannes Haushofer. Der junge Wirtschaftswissenschaftler aus Bayern verbringt zurzeit mit einem Stipendium drei Jahre in Cambridge und arbeitet im Poverty Action Lab. Er verfolgt die Idee, dass Armut Stress auslöst und dieser Zustand Kaufentscheidungen derart beeinflusst, dass die Betroffenen in der Armut stecken bleiben. "Das klingt wie eine banale Hypothese, ist aber nicht leicht nachzuweisen", sagt Haushofer.

Er versucht es mit einer dreiteiligen, über mehrere Länder verteilten Studie. Zunächst hat er bei kenianischen Versuchspersonen den Spiegel von Stresshormonen im Speichel gemessen: Wenn im Jahr zuvor der Regen ausgeblieben war, lag der Spiegel tatsächlich höher. Welche Folgen eine solche hormonelle Verschiebung haben kann, testete Haushofers Team dann in den Niederlanden an lokalen Studenten. Die Versuche sind abgeschlossen, aber noch nicht veröffentlicht - offenbar bestätigen die Ergebnisse jedoch die These des bayerischen Forschers.

Versuche in Zürich zeigten zudem, welche ökonomischen Entscheidungen Probanden treffen, wenn diese bei Computerspielsimulationen gerade arm geworden waren. Die Forscher hatten sie eine dreiviertel Stunde lang eine langweilige Arbeit machen lassen, einigen der Testpersonen dann aber den Großteil des auf einem virtuellen Konto deponierten Lohns weggenommen. Die plötzliche virtuelle Armut wirkte sich auf die Psyche und die ökonomischen Entscheidungen der Probanden aus. "Sie waren ungeduldiger", sagt Haushofer, "sie wählten häufiger einen schnellen Gewinn als einen größeren in drei Monaten." Vorsorgeinvestitionen erscheinen Armen daher offenbar wie ungedeckte Schecks auf die Zukunft.

Demnächst möchte Haushofer das Computerexperiment in einem neuen Labor in Nairobi mit den Bewohnern von Slums wiederholen, sagt er. Über die Rahmenbedingungen macht er sich bereits Gedanken. Die Teilnehmer werden für die Teilnahme bezahlt, angemessen, aber nicht zu üppig, damit sich niemand auf etwas einlässt, was ihr oder ihm unangenehm wäre.

Schon jetzt werfen seine Ergebnisse ein neues Licht auf die Frage, warum die Bauern in Kenia Probleme mit dem Kauf von Dünger haben. Der Vergleich mit Probanden aus reichen Ländern belegt zudem, was Esther Duflo in ihrem Buch erklärt: "Das Verblüffende ist, dass Menschen, die arm sind, uns in fast allem gleichen. Wir haben dieselben Wünsche und Schwächen", heißt es im Vorwort. "Wir müssen uns die Zeit nehmen, ihr Leben in seiner Vielfalt und Komplexität kennenzulernen."