Kalter Krieg Gift aus dem Eis

Streng geheime Militärbasis "Camp Century" auf Grönland

(Foto: US Army)

Eine ehemalige US-Militärbasis in Grönland ist eine tickende Zeitbombe. Große Mengen Chemikalien und verstrahltes Wasser könnten in die Umwelt gelangen.

Von Christopher Schrader

In der amerikanischen Militärbasis Camp Century war vermutlich schon seit Jahrzehnten kein Mensch mehr. Der geheime Stützpunkt wurde im Jahr 1959 acht Meter tief unter dem Eis im Nordwesten Grönlands errichtet. Bis zu 200 Soldaten waren einst dort stationiert; sie erkundeten, ob sich Hohlräume im Eis als Standort für Mittelstreckenraketen mit Atomsprengköpfen eigneten. Zu einer strategischen Bewaffnung kam es zwar offenbar nie, aber als die Armee das "Project Iceworm" und die Basis im Jahr 1967 aufgab, hinterließ sie 200 000 Liter Diesel, 24 Millionen Liter Abwasser und beachtliche Mengen chemischen Mülls. Einen im Camp installierten Nuklearreaktor nahmen sie mit, er hatte Strom und Wärme geliefert. Aber das verstrahlte Kühlwasser ist bis heute im Eis.

Man war überzeugt, das Eis würde sich nicht bewegen, und die Abfälle ewig einschließen

Seither sinken diese giftigen Hinterlassenschaften des Kalten Krieges langsam tiefer in das Grönlandeis. Aber das Ende ist absehbar. "Es ist nicht mehr die Frage, ob Camp Century und die Schadstoffe eines Tages an die Oberfläche gelangen, sondern wann", sagt Dirk van As vom Dänischen Geologischen Dienst in Kopenhagen. Der Klimawandel könnte die Verhältnisse im Norden Grönlands bis zum Ende dieses Jahrhunderts ändern, und dann würden Abfälle der ehemaligen Basis vielleicht schon 2120 an die Oberfläche gelangen.

Van As und Kollegen aus Kanada, den USA und der Schweiz haben ein fast vergessenes Kapitel der amerikanischen Atombomben-Historie aufgeschlagen (Geophysical Research Letters). Was sie enthüllen, klingt ein wenig wie eine andere Auflösung für den Roman "Fräulein Smillas Gespür für Schnee". Die Forscher haben inzwischen freigegebene Dokumente über die Basis ausgewertet.

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"Man war überzeugt, das Eis würde sich nicht bewegen, und die Abfallstoffe für die Ewigkeit einschließen", sagt van As. "Doch heute wissen wir, dass es ziemlich dynamisch ist." Weil Details in den Dokumenten fehlen, kann das Team nur spekulieren, dass die Basis "nicht triviale" Mengen PCB (Polychlorierte Biphenyle) enthält. Die krebserregenden Chemikalien wurden als Frostschutz eingesetzt; Farbe aus jener Zeit, die in anderen Basen benutzt wurde, enthielt bis zu fünf Prozent PCB. Ihre Behälter und die Dieseltanks von Camp Century dürften längst zerquetscht sein. Der Inhalt, immer noch flüssig, ist nun vermutlich in Blasen eingeschlossen, genau wie die damals deponierten flüssigen Abfälle.

Die für Müll angelegten Kavernen, ursprünglich 40 Meter tief, liegen inzwischen vermutlich 65 Meter unter der Oberfläche, weil diese durch Schneefall anwächst. Den Simulationsrechnungen der Forscher zufolge geht das noch Jahrzehnte so weiter: einem Modell zufolge über 2100 hinaus, ein anderes sagt jedoch für 2090 eine Umkehr vorher. Schon einige Jahrzehnte danach könnten erste Risse und Spalten im Eis die ehemalige Basis erreichen und Abfallstoffe mobilisieren, falls der Klimawandel so weiter geht wie bisher. Sollte die Welt nach dem Vertrag von Paris die globale Erwärmung begrenzen, dürfte das die Freisetzung in Grönland verzögern, aber nicht verhindern.

Dass viele Details in ihrem Aufsatz fehlen, ist den Wissenschaftlern bewusst. "Wir wollten eigentlich den Ort besuchen und Messungen machen, aber wir haben keine Finanzierung bekommen", sagt Dirk van As. Mehrmals sei von Geldgebern bedeutet worden, das Thema sei politisch schwierig. Unter anderem bei der Nato hatten die Forscher nach eigener Aussage Geld beantragt. Die wissenschaftlichen Gutachten über das Projekt seien positiv gewesen, aber dann müsse mindestens ein Land sein Veto eingelegt haben. Van As' Kollege William Colgan von der University of Toronto hat in Science Ähnliches erzählt; Anfragen der US-Journalisten an die dänische und grönländische Regierung und das US-Militär um Stellungnahmen blieben danach unbeantwortet. "Vielleicht wird es nach der Studie und dem Echo in den Medien einfacher", sagt Dirk van As. "Wir sollten Radarmessungen auf dem Eis machen, um festzustellen, wo was herumliegt."