Jane Goodall Schimpansinnen sind die besseren Mütter

Die Schimpansenforscherin Jane Goodall über ihr Leben, ihre Arbeit - und den Unterschied zwischen Menschen und Schimpansen.

Interview: Bettina Wündrich

Es ist Mittag, aber die zierliche Dame sitzt im Halbdunkeln. Kein Licht, bitte! Ihre Augen brennen. Sie ist etwas erschöpft von den Vorträgen der letzten Tage hier in München, immer reden, reden und die vielen Menschen um sie herum. . . Gleich anschließend geht es noch weiter nach Österreich, zu einem Hof für misshandelte Tiere. Im Profil zeigt sie eine kecke Nase und natürlich den unvermeidlichen Pferdeschwanz, den sie schon als junges Mädchen trug. Jetzt ist er grau, aber er ist ihr Markenzeichen geblieben. Das Geschenk aus einem Geschäft nebenan, ein kleiner Buddha neben einer Lotusblüte, hält sie andächtig in den Händen: "Wunderschön". Sie muss irgendetwas an sich haben: Menschen machen ihr dauernd Geschenke.

Jane Goodall am 15. Juni 2010 in München während einer Pressekonferenz zu ihrem Film 'Jane's Journey - Die Lebensreise der Jane Goodall'. Der Film über die Gründerin des Jane Goodall Institute for Wildlife Research, Education and Conservation und UN-Friedensbotschafterin läuft seit dem 2. September 2010 in die deutschen Kinos.

(Foto: dpa)

SZ: Dr. Goodall, vor Ihnen sitzt ein merkwürdiger kleiner Stoffaffe, den Sie schon bei der Pressekonferenz dabei hatten. Der sieht recht abgeliebt aus . . .

Jane Goodall: Er kommt auf alle Reisen und Vorträge mit. Bestimmt drei Millionen Menschen haben ihn schon gestreichelt - wenn man ihn berührt, färbt etwas von Mr. Hs Magie ab.

SZ: So heißt er, Mr. H?

Goodall: Ja. Ich bekam ihn vor vielen Jahren von einem Freund, Gary Horn, der mit 21 Jahren blind wurde. Er wollte immer Zauberer werden und wurde einer der besten, trotz seiner Blindheit. Die Kinder, denen er vorzauberte, merkten gar nicht, dass er sie nicht sehen konnte. Er sagte immer: Dinge mögen in deinem Leben falsch laufen - aber du solltest nie aufgeben, es gibt immer einen Weg.

SZ: Sie müssen es wissen. Nicht nur haben Sie sich in einer Männerdomäne durchgesetzt; Sie sind heute die bekannteste Schimpansenforscherin der Welt. Sie haben Ehrendoktorwürden und Auszeichnungen bekommen, mehr als zwanzig Bücher veröffentlicht, Filme gedreht und reisen an 300 Tagen um die Welt.

Goodall: Ja.

SZ: Sie sind 76.

Goodall: Ja! Und?

SZ: Und Sie wollen sich nicht langsam stolz zurücklehnen?

Goodall: Ach, es gibt noch so viel zu tun. Meinen Weckruf erlebte ich 1986 auf einer Konferenz, als alle Feldforscher aus Afrika zum ersten Mal zusammenkamen. Man berichtete uns, dass gerade unfassbar viele Wälder abgeholzt und Schimpansen gejagt und getötet wurden, damit man ihr Fleisch verkaufen kann. Mir wurde plötzlich klar, dass ich die Feldforschung verlassen und gegen die Zerstörung unserer Umwelt kämpfen muss. Seitdem reise ich, halte Vorträge, sammle Spenden.

SZ: Sie waren die erste Frau, die in den Dschungel geschickt wurde, um das Verhalten von Tieren zu erforschen. Das war 1960. . .

Goodall:. . . und es galt als absolut verrückt, eine 26-Jährige als Primatenforscherin in den Dschungel von Tansania zu entsenden.

SZ: Zumal Sie nicht nur sehr jung waren; Sie hatten keinerlei wissenschaftliche Ausbildung. Sehr ungewöhnlich, oder?

Goodall: Louis Leakey, der Direktor des Kenya National Museum, dessen Assistentin ich war, wollte jemanden, der nicht wissenschaftlich voreingenommen war. Und er war der Meinung, dass Frauen die besseren Beobachter abgeben.

SZ: Inwiefern denn?

Goodall: Er fand, Sie seien geduldiger und würden nicht gleich mit diesem typisch männlichen Eroberungsdrang losstürmen. Vielleicht sind Frauen durch ihre mütterlichen Fähigkeiten tatsächlich eher in der Lage, ein Wesen zu verstehen, das sich nicht durch Sprache verständlich machen kann. Frauen müssen sensibel sein gegenüber den Befindlichkeiten ihrer Familienmitglieder. So können sie den Frieden bewahren.

SZ: Ihre weiblichen Forscherqualitäten scheinen Louis Leakey überzeugt zu haben, sechs Jahre später schickte er wieder eine Frau los, die in Ruanda Berggorillas beobachten sollte.

Plötzlich war klar, dass uns nicht so viel vom Tier trennt

Goodall: Und es ist lustig, manchmal verwechseln mich die Menschen mit ihr, mit Dian Fossey. Ich frage dann: Haben Sie den Hollywoodfilm ,Gorillas im Nebel' gesehen? Ja, antworten sie, ein toller Film mit Sigourney Weaver. Na also, sage ich, demnach kann ich ja dann gar nicht Dian Fossey sein: Ich sitze hier vor Ihnen, und Fossey wurde, wie man im Film sieht, in ihrer Hütte ermordet aufgefunden.

SZ: Fossey war vielen Menschen, die mit der Ausbeutung von Gorillas Geld verdienten, ein Dorn im Auge. Sie wurden damals aus ganz anderen Gründen angefeindet: Ihre Methoden - Sie gaben den Schimpansen Namen - waren ungewöhnlich. Und Ihre Erkenntnisse passten vielen Wissenschaftlern nicht.

Goodall: Ich beobachtete zum Beispiel, dass Schimpansen mit Hilfe von langen Blättern Termiten aus Baumlöchern angelten - sie verwendeten zur Nahrungsbeschaffung also Werkzeuge. Bis dahin hatte man gedacht, dass nur der Mensch dazu in der Lage war, und dass das seine Überlegenheit kennzeichnete. Schimpansen zeigen wie wir soziales Verhalten, sie kooperieren miteinander, haben einen starken Familiensinn, die Männchen sind dominanzgetrieben. Mit diesen Erkenntnissen war plötzlich klar, dass uns nicht so viel vom Tier trennt, wie man uns die ganzen Jahre vorher versucht hatte weiszumachen. Und da waren viele schockiert!

SZ: Ihre Entdeckungen waren aber so sensationell, dass Sie 1965 dank einer Ausnahmegenehmigung an der Universität Cambridge promovieren durften.

Goodall: Richtig. Und heute ist die Nähe von Mensch und Affe für uns ganz selbstverständlich. Wir können sogar Bluttransfusionen von Schimpansen bekommen.

SZ: Ist die Sprache das Einzige, was uns ihnen überlegen macht?

Goodall: Wir sind darauf so stolz, aber das Problem ist: Unsere Sprache hat unser Gehirn zwar explosionsartig entwickelt, aber wir haben den Umgang mit ihr nicht in einem evolutionären Sinne gelernt. Nehmen wir einmal an, Sie sagen in einem Streit jemandem Dinge, die Sie lieber nicht gesagt hätten. Der andere wird das nicht aus dem Kopf bekommen, auch wenn Sie sich noch so oft entschuldigen. Sie haben es immerhin so sehr gedacht, dass Sie es gesagt haben! Hätten Sie der Person einen Klaps gegeben, hätte diese sich schnell revanchieren können, und der Streit wäre vergessen. Worte verletzen tiefer.