100 Jahre Wernher von Braun "Moralische Bedenken waren uns fremd"

War er ein Held der Raumfahrt oder ein Kriegsverbrecher? Auf jeden Fall war Wernher von Braun ein Technik-Genie mit zweifelhafter Moral. Vor 100 Jahren wurde der deutsche Raketenkonstrukteur geboren, der Hitlers Wunderwaffe "V2" baute und die US-Astronauten ins All brachte.

Von Alexander Stirn

Die drei jungen Männer, die mitten in Berlin Gegenstände in die Luft jagen, sind Idealisten - ziemlich kaltschnäuzige Idealisten. Sie haben sich in den Kopf gesetzt, eine Rakete zu entwickeln. Sie wollen ein Geschoss bauen, das sich aus eigener Kraft vom Erdboden erhebt, das durch den Himmel zischt und eines Tages zu fernen Planeten fliegt.

Auf einem verlassenen Schießplatz experimentieren sie deshalb Anfang der 1930er Jahre mit Raketendüsen und Flüssigtreibstoffen. Manchmal sind sie erfolgreich. Oft gibt es nur einen lauten Knall.

Die Berliner Raketenbastler haben ein großes Problem: Ihr Hobby ist kaum zu finanzieren. Das ändert sich, als eines Tages eine schwarze Limousine vorfährt. Drei Männer steigen aus und interessieren sich für die Raketen. Sie sind vom Militär, vom Heereswaffenamt. "Uns war das ziemlich egal, wir brauchten Geld", wird einer der Bastler später sagen. "Moralische Bedenken waren uns fremd, wir waren einzig daran interessiert, den Weltraum zu erkunden. Uns stellte sich daher nur die Frage, wie wir die goldene Kuh am besten melken konnten."

Dieser junge Raumfahrtenthusiast hieß Wernher von Braun, damals gerade einmal 20 Jahre alt, ein Visionär, genial und skrupellos zugleich. Jahrzehnte später sollte er sowohl die V2 als auch die Saturn V entwickeln, Hitlers Vergeltungswaffe und Kennedys Mondrakete.

Und er sollte immer dort zur Stelle gewesen sein, wo es eine Kuh zu melken gab: bei den Nazis, die London mit einer neuartigen Waffe vernichten wollten, beim amerikanischen Militär, das eine Rakete für seine Atombomben suchte, bei einem jungen US-Präsidenten, der den kalten Krieg im Weltall gewinnen wollte. Es war ein Leben für die Rakete, ein Leben für die Raumfahrt. An diesem Freitag wäre Wernher Magnus Maximilian Freiherr von Braun 100 Jahre alt geworden.

"Amoralischen Opportunismus" attestiert Michael Neufeld, Raumfahrthistoriker im National Air and Space Museum in Washington, dem deutschen Raketenpionier. Mehr als 20 Jahre lang hat sich Neufeld mit dem Leben von Brauns beschäftigt. Eine fast 700 Seiten starke Biographie ist daraus hervorgegangen ("Wernher von Braun: Visionär des Weltraums - Ingenieur des Krieges", Verlag Siedler).

Neufeld sieht in von Braun den Prototyp eines Wissenschaftlers, der sich nicht um die gesellschaftlichen und politischen Folgen seines Handelns schert. Wie einst Goethes Faust sei der Physiker einen Pakt mit dem Teufel eingegangen - mit durchaus verständlichen Hintergedanken: "Er wollte etwas erreichen, das seines Erachtens eine Verbesserung für die Menschheit bedeutet."

Astronauten, Kosmonauten und ein Hund

mehr...