Kreationisten aufgepasst: Die Evolutionstheorie ist für den Glauben an Gott keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung.
Manche Christen und manche Naturwissenschaftler, besonders die jeweils lautstarken, fundamentalistisch argumentierenden Vertreter, erklären die Evolutionstheorie und Religion für unvereinbar. Im Darwin-Jahr gewinnt dieser Streit an Aufmerksamkeit. Der Biologe, Jesuit und Professor an der Münchner Hochschule für Philosophie Christian Kummer beschreibt, warum es diesen Konflikt gar nicht gibt.
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Nicht jede Facette der Evolution braucht einen "göttlichen Handwerker". Aus Aicht der Theologie ist ein Schöpfer weitaus befriedigender, "der macht, dass die Dinge sich machen". (© Foto: AP)
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Evolution ist keine Gefahr, sondern ein Segen für die Theologie. Ein solcher Ausspruch, noch dazu aus dem Mund eines katholischen Theologen, mag verwundern. Doch er passt in eine lange Denkschule. Schon vor Jahrzehnten schien die Kluft zwischen Evolutionstheorie und Schöpfungsglaube überwunden.
Damals war es für aufgeklärte Christen unter dem Einfluss des französischen Jesuiten und Paläontologen Pierre Teilhard de Chardin (1881-1955) fast selbstverständlich geworden, an eine "Schöpfung durch Evolution" zu glauben.
Inzwischen wird eine solche "theistische Evolution" von Kreationisten wie Darwinisten gleicherweise mit Naserümpfen quittiert. Sie sei ein untauglicher Versuch, christliche und naturwissenschaftliche Weltanschauung unter einen Hut zu bringen. Angesichts dieser Situation scheint sich auch die katholische Kirchenleitung ihrer alten Ressentiments gegen Teilhard zu erinnern.
Der unselige Artikel Kardinal Schönborns über das Design in der Natur, der 2005 in der New York Times erschien, ist ein markantes Indiz dafür. Es mag unversöhnlich wirken, auf diesem "Ausrutscher" des Kardinals nach wie vor herumzuhacken, von dem er sich auf seiner Homepage einigermaßen distanziert hat. Der Text bleibt aber ein bezeichnendes Dokument der Evolutionskritik.
Vermischte Ebenen
Einmal ärgert den Kardinal (und vermutlich nicht nur ihn) die große Resonanz, welche die Ansprache von Johannes Paul II. vor der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften im Oktober 1996 gefunden hat. Darin hat der Vorgänger Benedikts die Evolution "mehr als eine Hypothese" genannt. Für gewisse Kreise der Kurie war diese verhaltene Bemerkung ein zu großes Zugeständnis.
Aus diesem Geist heraus schrieb Schönborn in seinem Artikel: "Die Evolution im Sinn einer gemeinsamen Abstammung (aller Lebewesen) kann wahr sein, aber die Evolution im neodarwinistischen Sinn - ein zielloser, ungeplanter Vorgang zufälliger Veränderung und natürlicher Selektion - ist es nicht." Woher nimmt ein Theologe die Autorität, darüber zu befinden, ob eine naturwissenschaftliche Theorie richtig oder falsch ist?
Wichtiger ist indessen ein zweiter Punkt, auf den der Kardinal hinweist. Er erklärt nachdrücklich, dass die Kirche trotz aller Anerkennung der Evolution an der unmittelbaren Erschaffung der menschlichen Seele durch Gott festhält. Diese Lehrmeinung gibt er korrekt wieder, aber was ist von einer solchen Grenzziehung zu halten?
Die "Erschaffung der menschlichen Seele" ist eine theologische Aussage. Daher muss das, was unter "Seele" verstanden wird, auch theologisch gedeutet werden, im Sinne einer unmittelbaren, besonderen Bezogenheit des menschlichen Geschöpfs auf Gott.
"Seele" bezeichnet aber auch etwas Diesseitiges: seelisches Empfinden, Psyche, Geistesleben. Diese Ebene wird von der theologischen Aussage aufgrund der Doppeldeutigkeit des Begriffs vereinnahmt. Die Kirche behauptet damit, der Mensch sei ohne Theologie nicht vollständig zu erklären.
Wie konfliktgeladen die Vermischung dieser Ebenen ist, zeigt ein Blick auf die Entstehung des Menschen. Der Theologe Karl Rahner hat das in drastischer Weise dargestellt. Nach klassischer Lehre würden die Eltern einen Affen erzeugen, der erst durch göttlichen Eingriff zum Menschen wird.
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Wenn Gottes Erscheinen ein Teil von Gottes Plan ist, dann macht das die ganze Sache noch schlimmer, überantwortet er doch damit Generationen von Menschen der ewigen Verdammnis. Selbst den Kirchen ging dieses zu weit und sie konstruierten deshalb Dinge wie Vorhöllen u.a.
Man kann es drehen und wenden, wie man möchte - die Existenz eines Gottes ist ein Paradoxon in sich.
'(Nur als Anmerkung sei erlaubt, dass der Mensch mit seiner eingeschränkten Sicht der Dinge das Wirken des allmächtigen Gottes nicht unbedingt immer verstehen muss.)'
Dazu zwei Dinge:
1 - wir sind die Kinder Gottes, Kinder aber werden erwachsen und
2 - 'Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn....' (Gen 1,27)
Wie gesagt,man kann es drehen und wenden wie man will, die Annahme, es gäbe einen Gott mit den drei Attributen allmächtig, allgütig und allwissend, bleibt unvernünftig.
@Parvis
Finde ich eine ganz interessante Beweisführung, ganz ehrlich. Nur wird dabei außer Acht gelassen, dass Jesu Kommen von Anfang an Gottes Plan war. Nachzulesen bspw. schon im 1. Mose bei Abraham bis über die Psalme und Propheten. Demnach gab es keine Korrektur, sondern es ist alles planmäßig verlaufen.
Ist das logisch? Ich sage ganz klar nein, aber das soll offensichtlich auch nicht der Anspruch sein... ;)
(Nur als Anmerkung sei erlaubt, dass der Mensch mit seiner eingeschränkten Sicht der Dinge das Wirken des allmächtigen Gottes nicht unbedingt immer verstehen muss.)
denn falls Gott nur einer der folgenden Eigenschaften, allmächtig, allgütig und allwissend, fehlt, ist Gott kein Gott, bzw. göttlich, mehr. Einen nichtgöttlichen Gott aber zu verehren - was soll das bringen?
Das Theodizeeproblem hat das Christentum mit einem Kniff noch umschiffen können, hier aber versagt jede sinnvolle Argumentation.
@Parvis:
Die Schlußfolgerung, es gäbe keinen Gott, aus Ihrem letzten Satz ist nicht schlüssig.
Richtig ist die Aussage, daß es keinen Gott mit diesen, in sich allerdings widersprüchlichen, Eigenschaften wie Allmacht und Allwissen gibt.
@Ed Dellian:
Kummers wesentliche Aussage (eigentlich geht sie auf de Chardin zurück) lautet:
Gott hat Gesetze erschaffen, nach denen die Welt (=Materie) abläuft. Dazu hat er gewissen Lebewesen die Kreativität geschenkt, mit denen der deterministische Weltablauf (Hegels Weltuhrwerk) "aufgelockert" wird.
Hier zeigen sich die Ansätze von Freiheit, Selbstbestimmung, freier Wille usw.
Es ist ganz klar, daß die Kirche/Theologie einer solchen Auffassung keinen Widerstand entgegensetzt !
@broesam:
Der Wallensteinvergleich besagt nichts anderes, als daß (a) der Schöpfer zwar das Werk geschaffen hat, daß aber (b) das Werk ohne Kennnis des Schöpfers wahrgenommen werden kann, aber nicht muß. De "Kenner" erkennt im Werk den Schöpfer !
Eben diese Aussage schafft Raum für die Anbetung des Schöpfers - allerdings ist damit die Existenz eines Schöpfers in keinster Weise bewiesen.
'Nun sollte klar werden, warum ich Evolution als einen Segen für die Theologie ansehe und nicht als Bedrohung. '
Natürlich muss das jeden gläubigen Christen Angst machen stehen wir doch vor folgenden Dilemma.
Ist Gott der Erschaffer der Evolution als Prozess, darf er sich nicht mehr in die Entwicklung seiner Schöpfung einmischen. Denn würde er das tun wäre das sein Eingeständnis, nicht allwissend oder perfekt zu sein. Ein nicht allwissender Gott jedoch ist kein Gott, sondern ein uns vergleichbares, wohl höher entwickeltes aber dennoch seiner Art und Entstehung nach, verwandten Wesen - mehr nicht.
Und natürlich wäre Jesus damit nicht Gott (Sohn), sondern bestenfalls ein jüdischer Wanderprediger, der das Judentum reformierte. Als gläubigen Christen würde mir das gehörig Angst machen.
(Allerdings die Existenz eines allmächtigen Schöpfergottes führt genau zu denselben Paradoxon. Die einzig sinnvolle Behauptung bleibt also es gibt keinen Gott, der Beweis erfolgt durch sich widersprechende Axiome seiner Existenz bzw. Eigenschaften)
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