Jagdflieger im Ersten Weltkrieg "Pardon kenne ich nicht mehr"

Rittmeister Manfred Freiherr von Richthofen (1892-1918).

(Foto: Scherl)

Um den Mythos vom Roten Baron Manfred von Richthofen als Ritter der Lüfte zu beerdigen, braucht man nur dessen eigenes Buch zu lesen.

Von Markus C. Schulte von Drach

Der 23. November 1916 ist ein trüber Tag. Die Schlacht an der Somme ist gerade einige Tage vorüber, als der britische Pilot Laone Hawker mit zwei Kameraden über der Westfront nahe der französischen Stadt Bapaume in einen Luftkampf mit deutschen Jagdfliegern gerät.

Einer der deutschen Piloten bemüht sich, hinter den Briten zu kommen, während dieser das gleiche mit dem Gegner versucht. So kurven die zwei Jagdflugzeuge über dem von den Deutschen besetzten Gebiet umeinander, immer tiefer sinkend, während der Wind die Maschinen weiter in das von den Deutschen besetzte Hinterland bläst.

Keinem von beiden gelingt es, in Schussposition zu kommen, doch nach einer halben Stunde in diesem Kreisel geht Hawker langsam der Treibstoff aus. Schließlich bleibt dem Briten nichts anderes mehr übrig, als das Kurven aufzugeben und zu versuchen, in hundert Metern Höhe zurück zur Front und hinter die britischen Stellungen zu kommen.

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Doch darauf hat der deutsche Pilot nur gewartet. Zwar versucht Hawker noch, seinem Gegner das Zielen mit Zickzack-Flügen zu erschweren, doch der Deutsche braucht sich nun nur noch hinter ihn zu setzen, und jedes Mal, wenn der Brite sein Visier kreuzt, den Abzug seiner zwei Maschinengewehre durchzuziehen.

Über den deutschen Gräben trifft eine der Kugeln Laone Hawker in den Kopf. Die Maschine mit dem toten Piloten an Bord bohrt sich in den Boden. Manfred von Richthofen kann seinen elften Abschuss melden.

Zum Zeitpunkt seines Todes war Laone Hawker das größte britische Flieger-Ass, von Richthofen war bereits einer der erfolgreichsten deutschen Kampfpiloten.

Kein "ritterlicher Kampf"

Doch war das nun der "ritterliche Kampf" zweier Flieger-Asse, "die aufstiegen aus ihren Lagern zum Gefecht Mann gegen Mann, er oder ich", wie 1933 Herman Göring im Vorwort zu von Richthofens Buch "Der rote Kampfflieger" schrieb, und der selbst als letzter Kommandeur das Jagdgeschwader Richthofens geführt hatte?

Tatsächlich waren hier zwei erfahrene Piloten aufeinander gestoßen. Doch das Gefecht "Mann gegen Mann" war eher ein wenig ritterlicher Kampf "Maschine gegen Maschine" gewesen, noch dazu unter extrem ungünstigen Bedingungen für den Briten.

Der 26-jährige Hawker flog eine Airco D.H. 2, die langsamer war als Richthofens Albatros D II. Das britische Flugzeug konnte weniger gut steigen und besaß nur ein Maschinengewehr. Noch dazu war der Brite gezwungen, das sichere Kreiseln aufzugeben, wollte er nicht auf dem von den Deutschen besetzten Gebiet landen.

Von Richthofen musste demnach nicht viel mehr tun als ruhig zu bleiben und zu warten, bis sein Gegner gezwungen war zu flüchten. Dann hatte seine Stunde geschlagen. Es war Richthofen selbst zufolge "der schwerste Kampf, der mir bisher vorgekommen ist."

Flugzeuge des Jagdgeschwaders Richthofen auf einem Feldflugplatz in Frankreich.

(Foto: Scherl)

Insgesamt 80 gegnerische Flugzeuge waren es am Ende, die von Richthofen abgeschossen hatte, bevor er selbst in seiner Maschine starb. Und die wenigsten Maschinen besiegte er in Luftkämpfen wie jenem am 23 November 1916.

Die meisten seiner Opfer waren leichte Gegner: langsame Aufklärungsflugzeuge und technisch unterlegene Maschinen. Noch dazu wurde ihm nachgesagt, er habe sich gerade aus dem größten Kampfgetümmel zwischen den Jagdflugzeugen herausgehalten und lieber nach jenen Ausschau gehalten, die sich ebenfalls zurückhielten. Und das waren in der Regel die Anfänger.

"Der Rumpf saust brennend in die Tiefe"

Mit der Ritterlichkeit, die den Kampfpiloten des Ersten Weltkriegs bis heute nachgesagt wird, war es sowieso nicht weit her. Zu Beginn des Krieges, als die Begegnungen der Flieger über der Front noch etwas Besonderes waren, kam es vor, dass Piloten sich grüßten, statt sich zu beschießen. Doch damit war es bald vorbei.

Von Richthofen selbst beschrieb den Zeitpunkt, an dem es mit der Ritterlichkeit für ihn aus war. Nachdem er einen britischen Zweisitzer in Brand geschossen hatte, fühlte er "ein menschliches Mitleid mit meinem Gegner und hatte mich entschlossen, ihn nicht zum Absturz zu bringen, sondern ihn nur zur Landung zu zwingen".

Als er jedoch erfuhr, dass der britische Beobachter noch kurz vor der Notlandung versucht hatte, auf ihn zu schießen, war er zutiefst beleidigt. Seine Reaktion: "Pardon kenne ich nicht mehr".

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Begeistert beschreibt er später, wie er ein französisches Flugzeug abschussreif schießt. Noch während der Pilot eine Notlandung auf deutschem Gebiet versucht, klappt das schon geschlagene Flugzeug unter Richthofens Kugeln auseinander und "der Rumpf saust wie ein Stein brennend in die Tiefe". Engländer werden von ihm in seinen Briefen "erlegt", und er schreibt, es habe ihm großes Vergnügen gemacht, "lustig unter den Brüdern aufzuräumen".

Und nicht Richthofen war es, dem nachgesagt wurde, nur auf die Maschinen zu zielen, nicht auf die Piloten. Das tat dagegen angeblich Richthofens Kamerad Werner Voß. Ihm war das auch eher zuzutrauen, denn im Gegensatz zu von Richthofen galt er tatsächlich als wirklich guter Pilot.

Zum Mythos aufgebaut

Wie aber kam es dazu, dass der "Rote Baron" zum Mythos wurde? Im Gegensatz zu den anonymen Massen von Infanteristen, die in den Gräben der Westfront starben, konnte man den Fliegern in Deutschland, England und Frankreich Namen und Gesichter zuordnen, und sie beherrschten neue, faszinierende Maschinen.

Zwar konnte ein einziger Artillerist mit einer Granate etliche Gegner töten - doch Stoff für Heldengeschichten gab das nicht her. Als Kriegshelden ließen sich die Piloten besser verkaufen. Manfred von Richthofen wurde in den deutschen Medien zu einer Art Popstar hochstilisiert, der für den ruhmreichen und heldenhaften Kampf der Deutschen stehen sollte. Mit Erfolg. Bald erhielt der junge Pilot massenhaft Fanpost und Heiratsanträge.

Dazu kam Richthofens Idee, sein Flugzeug knallrot anzustreichen und sich auf diese Weise von allen anderen Piloten zu unterscheiden. Im Gegensatz zu den alliierten Fliegern gab es für deutsche Piloten keine Vorschriften, die Maschinen in Tarnfarben zu halten.

Die Piloten in Richthofens "Fliegendem Zirkus", wie sein Jagdgeschwader bald genannt wurde, malten ihre Flugzeuge schließlich alle individuell an, um die Kameraden in der Luft besser identifizieren zu können.

Die Armeen auf beiden Seiten versuchten, den Mythos von den Rittern der Lüfte aufrecht zu halten - und das selbst dann noch, als die Industrialisierung des Luftkampfes 1918 so weit fortgeschritten war, dass die schiere Masse der Flugzeuge, über die die jeweilige Seite verfügte, die Luftkämpfe entschied, und nicht mehr das individuelle Können.

Ein englisches Jagdflugzeug hat ein deutsches Flugzeug abgeschossen. Das Foto stammt aus einer Reihe von Aufnahmen, deren Echtheit heute umstritten ist.

(Foto: Scherl)

So lässt sich vielleicht erklären, was geschah, als Manfred von Richthofen am 21. April 1918 über den alliierten Linien abgeschossen wurde. Britische und australische Soldaten beerdigten den Flieger am 22. April mit militärischen Ehren im französischen Bertangles, feuerten Salutschüsse, und ein britischer Pilot warf sogar einen Container mit einem Foto des Grabes über dem Flughafen von Richthofens Geschwader ab.

Dabei war von Richthofen getötet worden, als er wieder einmal alles andere als ritterlich handelte. Augenzeugenberichte deuten darauf hin, dass der Rote Baron es auf leichte Beute abgesehen hatte.

Als der kanadische Flieger Wilfrid May aus dem Kampfgetümmel flüchtete, in das seine Squadron mit den Dreideckern der Richthofen-Staffel geraten war, setzte er ihm nach. Mays Staffelführer Arthur Roy Brown kam seinem Kameraden zu Hilfe. Eine Version vom Tod des Deutschen besagt, Brown hätte Richthofen tödlich getroffen. Heute gilt es als wahrscheinlicher, dass Maschinengewehrschützen der australischen Armee ihn vom Boden aus tödlich trafen. Der Rote Baron wäre bald darauf 26 Jahre alt geworden.

Der Mythos vom Roten Baron als Ritter der Lüfte lebt noch immer. Er hat nicht unter von Richthofens Taten und Worten gelitten, er hat keinen Schaden genommen, als die Nationalsozialisten die Figur des Freiherrn einsetzten, um Stimmung für ihre Luftwaffe zu machen. Es gibt sogar noch immer ein Geschwader "Richthofen" bei der Bundeswehr.

Und leider gibt noch immer schlechte Filme über den Roten Baron. Dabei wäre die Wahrheit mindestens so interessant und spannend wie die Fiktion. Nur wäre es keine Heldengeschichte mehr.

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