Von Markus C. Schulte von Drach

Um den Mythos vom Roten Baron Manfred von Richthofen als Ritter der Lüfte zu beerdigen, braucht man nur dessen eigenes Buch zu lesen.

Der 23. November 1916 ist ein trüber Tag. Die Schlacht an der Somme ist gerade einige Tage vorüber, als der britische Pilot Laone Hawker mit zwei Kameraden über der Westfront nahe der französischen Stadt Bapaume in einen Luftkampf mit deutschen Jagdfliegern gerät.

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Eine Airco D.H. 2 startet von einem Flugplatz an der Westfront. Der Motor befand sich hinter dem Piloten. Der Albatros D.II war das Flugzeug unterlegen. (© Foto: oh)

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Einer der deutschen Piloten bemüht sich, hinter den Briten zu kommen, während dieser das gleiche mit dem Gegner versucht. So kurven die zwei Jagdflugzeuge über dem von den Deutschen besetzten Gebiet umeinander, immer tiefer sinkend, während der Wind die Maschinen weiter in das von den Deutschen besetzte Hinterland bläst.

Keinem von beiden gelingt es, in Schussposition zu kommen, doch nach einer halben Stunde in diesem Kreisel geht Hawker langsam der Treibstoff aus. Schließlich bleibt dem Briten nichts anderes mehr übrig, als das Kurven aufzugeben und zu versuchen, in hundert Metern Höhe zurück zur Front und hinter die britischen Stellungen zu kommen.

Doch darauf hat der deutsche Pilot nur gewartet. Zwar versucht Hawker noch, seinem Gegner das Zielen mit Zickzack-Flügen zu erschweren, doch der Deutsche braucht sich nun nur noch hinter ihn zu setzen, und jedes Mal, wenn der Brite sein Visier kreuzt, den Abzug seiner zwei Maschinengewehre durchzuziehen.

Über den deutschen Gräben trieft eine der Kugeln Laone Hawker in den Kopf. Die Maschine mit dem toten Piloten an Bord bohrt sich in den Boden. Manfred von Richthofen kann seinen elften Abschuss melden.

Zum Zeitpunkt seines Todes war Laone Hawker das größte britische Flieger-Ass, von Richthofen war bereits einer der erfolgreichsten deutschen Kampfpiloten.

Kein "ritterlicher Kampf"

Doch war das nun der "ritterliche Kampf" zweier Flieger-Asse, "die aufstiegen aus ihren Lagern zum Gefecht Mann gegen Mann, er oder ich", wie 1933 Herman Göring im Vorwort zu von Richthofens Buch "Der rote Kampfflieger" schrieb, und der selbst als letzter Kommandeur des Jagdgeschwaders Richthofen geführt hatte?

Tatsächlich waren hier zwei erfahrene Piloten aufeinander gestoßen. Doch das Gefecht "Mann gegen Mann" war eher ein wenig ritterlicher Kampf "Maschine gegen Maschine" gewesen, noch dazu unter extrem ungünstigen Bedingungen für den Briten.

Der 26-jährige Hawker flog eine Airco D.H. 2, die langsamer war als Richthofens Albatros D II. Das britische Flugzeug konnte weniger gut steigen und besaß nur ein Maschinengewehr. Noch dazu war der Brite gezwungen, das sichere Kreiseln aufzugeben, wollte er nicht auf dem von den Deutschen besetzten Gebiet landen.

Von Richthofen musste demnach nicht viel mehr tun als ruhig zu bleiben und zu warten, bis sein Gegner gezwungen war zu flüchten. Dann hatte seine Stunde geschlagen. Es war Richthofen selbst zufolge "der schwerste Kampf, der mir bisher vorgekommen ist."

Insgesamt 80 gegnerische Flugzeuge waren es am Ende, die von Richthofen abgeschossen hatte, bevor er selbst in seiner Maschine starb. Und die wenigsten Maschinen besiegte er in Luftkämpfen wie jenem am 23 November 1916.

Die meisten seiner Opfer waren leichte Gegner: langsame Aufklärungsflugzeuge und technisch unterlegene Maschinen. Noch dazu wurde ihm nachgesagt, er habe sich gerade aus dem größten Kampfgetümmel zwischen den Jagdflugzeugen herausgehalten und lieber nach jenen Ausschau gehalten, die sich ebenfalls zurückhielten. Und das waren in der Regel die Anfänger.

"Der Rumpf saust brennend in die Tiefe"

Mit der Ritterlichkeit, die den Kampfpiloten des Ersten Weltkriegs bis heute nachgesagt wird, war es sowieso nicht weit her. Zu Beginn des Krieges, als die Begegnungen der Flieger über der Front noch etwas Besonderes waren, kam es vor, dass Piloten sich gegrüßt hatten, statt sich zu beschießen. Doch damit war es bald vorbei.

Von Richthofen selbst beschrieb den Zeitpunkt, an dem es mit der Ritterlichkeit für ihn vorbei war. Nachdem er einen britischen Zweisitzer in Brand geschossen hatte, fühlte er "ein menschliches Mitleid mit meinem Gegner und hatte mich entschlossen, ihn nicht zum Absturz zu bringen, sondern ihn nur zur Landung zu zwingen".

Als er jedoch erfährt, dass der britische Beobachter noch kurz vor der Notlandung versucht hatte, auf ihn zu schießen, ist er zutiefst beleidigt und beschließt: "Pardon kenne ich nicht mehr".

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