Jäger-und-Sammler-Gesellschaft Harte Kerle - auch ohne Testosteron

Das Leben der Tsimané in Bolivien ist körperlich deutlich anstrengender als unseres. Es wäre deshalb zu erwarten, dass die Männer dort mehr Testosteron im Blut haben. Doch das Gegenteil ist der Fall. US-Forscher haben nun herausgefunden, dass das mit der Körperabwehr zu tun hat.

Von Sebastian Herrmann

Die Tsimané führen ein hartes Leben. Die Angehörigen dieses Volkes jagen in den Regenwäldern Boliviens und betreiben einfache Landwirtschaft - der normale Alltag einer Jäger-und-Sammler-Gesellschaft.

Doch Anthropologen sind von den Tsimané verblüfft. Genau genommen sind es deren Hormone, die Forscher um Benjamin Trumble von der Universität von Washington in Seattle überraschten. Denn der Testosteronspiegel der männlichen Angehörigen des Volkes liegt im Schnitt um ein Drittel unter dem von Männern aus den USA (Proceedings of the Royal Society B, online).

Eigentlich liege der Gedanke nahe, dass die Tsimané einen höheren Testosteronspiegel haben als westliche Männer, so die Anthropologen. Schließlich sei der Alltag des Volkes aus Bolivien körperlich viel anstrengender.

Doch letztlich sei eine andere These schlüssiger: "Ein hoher Testosteronspiegel dämpft das Immunsystem", sagt Trumble, "deshalb ist es sinnvoll, diesen niedrig zu halten, wenn man in einer Gegend mit vielen Parasiten und Krankheitserregern lebt, so wie die Tsimané. " Der hohe Hormonspiegel der Amerikaner sei evolutionärer Luxus, den sich Männer nur leisten können, weil das Risiko einer Infektion relativ gering ist.

Die Tsimané unterscheiden sich in einem weiteren Punkt: Ihr Testosteronspiegel bleibt im Alter konstant, in den Industriestaaten sinkt er bei Männern im fortschreitenden Alter.

Doch die Anthropologen fanden auch eine Gemeinsamkeit: Sie ließen Tsimané gegeneinander Fußball spielen und maßen dann den Testosteronspiegel der Männer. Direkt nach dem Wettbewerb war er um 30 Prozent erhöht, nach einer Stunde lag er noch immer um 15 Prozent über dem Durchschnittsniveau.

Bei dem plötzlichen Hormonkick in einer Wettbewerbssituation handele es sich offenbar um einen fundamentalen Mechanismus der menschlichen Biologie, argumentieren die Wissenschaftler, denn bei westlichen Männern beobachte man eine vergleichbare Steigerung in einer Wettbewerbssituation.

"Sogar in einer hoch pathogenen Umwelt ist es wichtig, den Testosteron-Level in die Höhe zu treiben, um kurzfristig Energie zur Verfügung zu haben und sich einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen", sagt der Anthropologe und Co-Autor Michael Gurven von der University of California.

Im Rahmen des Tsimane Life and Health History Projects wird das Volk seit 2002 untersucht. 2009 veröffentlichten Wissenschaftler um Gurven Ergebnisse, wonach die Tsimané so gut wie keine Herz-Kreislauf-Erkrankungen entwickeln.